Tolya Glaukos.
Zufallsforschung.
Zufallsmessverfahren.
Random Research.
CAUSA EFFICIENS:
Private Investigations. Eine bescheidene Ausdeutung des Universums.

INHALT:

Causa efficiens.
Private Investigations. Eine bescheidene Ausdeutung des Universums



Aggregat 1: Ideale Welten

Aggregat 1:

Ideale Welten

 

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Es mag philosophische Fragen geben, die wertvoller sind als die drängendste Grundfrage des menschlichen Geistes: Die Frage nach dem Sinn respektive dem Grund seines Daseins. Dennoch möchte ich mit letzterer beginnen.

 

Ist der Mensch ein Gestalter? Oder nur Gestalt? Empfindet er sich als einen Gestalter, aber ist in Wahrheit nur ein Gestalteter? Hat er einen freien Willen? Könnte er etwas in seinem Leben ändern? Ist der schuldfähig – oder ist Schuld nur eine Illusion? 

 

 

Die Frage nach dem freien Willen ist verknüpfbar mit folgender Überlegung:  

Wenn ein Mensch einen freien Willen hat, dann kann er die Wirklichkeit, in der er sich aufhält (bzw. die Welt), nach seinem Wunsch beeinflussen. Was für die Welt (das Weltganze) bedeutet: Teile darin können unvorhersehbare – und somit irrational erscheinende - Entscheidungen treffen.  

Denn: Würde anhand der Rahmenbedingungen von außen vorher vorhersagbar sein, was dieser Mensch für eine Entscheidung treffen wird – könnte man nicht mehr von einem freien Willen dieses Menschen sprechen; es wäre nur die Illusion eines freien Willens. 

Wenn es einen menschlichen freien Willen gäbe, bedeutete dies zwingend: Es gibt auch einen Zufall. Dieser Mensch zeigt ein nicht vorhersagbares, bestenfalls grob statistisch abschätzbares Verhalten. 

 

Ergo:  

Ein freier Wille ist nur dann möglich, wenn es einen Zufall gibt.  

 

(Nebenbemerkung: 

Aber selbst wenn es den Zufall gibt – bleibt fraglich, ob dieses Individuum tatsächlich im Zufallsfall eine Willensentscheidung trifft; oder ob hier nicht „nur“ ein Zufallsprozess im Gang ist; ob das Individuum nicht erneut der Illusion eines „eigenen“ Entscheidens erliegt; eine Ich-bin-Gestalter-Illusion; ob sich, kurzum, nicht nur der Zufall selbst in den Individuen inkarniert und, spieltheoretisch betrachtet, mit diesen seine permutativen Zufallsspiele spielt.)

 

 

 

Gibt es Zufall? 

Ich möchte Antwortmöglichkeiten diskutieren: 

 

  1. Es gibt Zufall. 

  2. Es gibt keinen Zufall. 

  3. Es gibt nur mikroskopischen Zufall. 

  4. Es gibt manchmal Zufall und manchmal nicht. 

 

 

  1. Es gibt Zufall. 

 

Sobald der Zufall Gesetzen unterläge, wäre es kein Zufall mehr. Das besagt, dass in dieser Welt des Zufalls ALLES geschehen können muss. Es wäre in dieser Welt auch denkbar, dass justamente jetzt, wo Sie diesen Satz lesen, das Universum sich in Nichts auflöst; vielleicht ist es nie dagewesen. 

Oder Sie verschwinden. Jemand anders nimmt ihre Position ein. Usw.. 

In einer Welt des Zufalls können Wunder geschehen. Wie häufig würden diese Wunder geschehen? Potentiell ständig – vielleicht wäre in dieser Welt der Zufall überhaupt das alles verbindende und alles durchsetzende Prinzip. Jede Form von Gesetzmäßigkeit wäre dann nur eine Illusion. Denn – sobald sich der Zufall messen ließe, statistisch begrenzen etc., wäre es kein reiner Zufall mehr. Es wäre ihm ein Aktionsradius gesetzt.  

Es wäre dann ein eingeschränkter, inselhafter Zufall. 

 

 

 

  1. Es gibt keinen Zufall. 

 

Das ist die deterministische Welt von Laplace (der Laplacesche Dämon). Oder die Welt von Albert Einstein: „Gott würfelt nicht.“

In dieser Welt „geschieht nichts ohne Grund“. Zufällig aussehende Ereignisse wirken nur deshalb zufällig, weil nicht genügend Informationen über das Ereignis vorliegen. Würde man genügend Informationen und Rechenzeit haben, könnte man alles genau vorhersagen. Das Universum in einer Welt ohne Zufall ist bereits jetzt fertig. Es gibt genau genommen keine Zeitdimension in diesem Universum, hier herrscht Raumzeit, und diese Raumzeit ist bereits abgeschlossen. Was Sie hier lesen, müssen Sie lesen, weil es so vorgesehen ist. Sie haben keine Wahl. Sie sind ein Sklave, sofern Sie darin etwas sklavisches erkennen wollen. 

 

 

 

 

  1. Es gibt nur mikroskopischen Zufall. 

 

Gemeint ist hierbei die Quantenwelt, die den Physikern nach wie vor Rätsel aufgibt. Es wäre denkbar, dass auf Quantenebene tatsächlich ein ideal würfelnder Zufall wirkt, im Makrokosmos, den auch der Mensch bewohnt, dieser Zufall aber keine Rolle spielt. Der Mensch an sich wäre dann ein Automat – während die Quantenwelt unvorhersehbare und unberechenbare Phänomene zeigt.  

 

 

 

Diese drei Modelle wirken auf den neuzeitlichen Menschen gleichermaßen befremdlich, sofern er sich der atheistisch-wissenschaftlichen Weltanschauung zugeneigt fühlt. 

Ihm missbehagt jedes „Gott lenkt“, er wünscht sich nichts sehnlicher, als Herr seines eigenen Schicksals zu sein. Wäre dies aber der Fall, dann nur, wenn die Welt (siehe 1. Es gibt Zufall.) eine Welt der Esoterik und Wunder wäre – und in solch eine Welt wollen viele wissenschaftlich denkende Agnostiker sich unter keinerlei Umständen einnischen müssen.  

Sie wünschen sich: Freien Willen und somit eine Zufälligkeit, die aber nicht gleichbedeutend ist mit Willkür, vulgo: Gesetzlosigkeit.  

Genauer besehen erscheint dieser Versuch abenteuerlich, weil schwer Vereinbares versucht wird zu vereinbaren. 

 

Unter diese Versuche zu rechnen wäre auch die Gezähmte Zufälligkeit:

Während der Mensch die Willensfreiheit hat zu sagen, er geht rechts um den Baum herum und nicht links, so hat der Mond keine Willensfreiheit betreffs seiner Rotation um die Erde. 

Es gäbe demnach Subjekte mit Willensfreiheit und Objekte, die keine Willensfreiheit besitzen.

 

Der Vollständigkeit halber muss erlaubt sein, auch noch eine vierte Variation des Zufälligen zu imaginieren. 

 

 

 

  1. Es gibt manchmal Zufall und manchmal nicht. 

 

In diesem Universum können Zufälligkeiten einmal erlaubt sein und dann wieder nicht. Die Regeln, nach denen es den Zufall gibt oder aber nicht, sind beständig im Fluss oder Wechsel. In dieser Welt könnten sich eventuell sogar Naturgesetze verändern.  

Ironisch gesprochen, könnte man beispielsweise annehmen, dass an geradzahligen Kalendertagen das Universum Zufälligkeiten erlaubt, an ungeradzahligen Tagen keine Zufälle möglich sind. 

Man könnte es auch konspirativ-esoterisch ausdeuten: Dann würde beispielsweise ein Hellseher so lange hellsehen können, bis ihn ein Wissenschaftler bei der Hellsehkunst beaufsichtigt und durch seine Beobachtung das Ergebnis stört: der Wissenschaftler bzw. das wissenschaftliche Experiment übernähme somit die Funktion des Zufallszerstörers. 

 

Die Skurrilität der Beispiele sind bereits Ausdruck der Aggregatität respektive der Unschlüssigkeit dieser Interpretation der Welt.  

 

 

An dieser Stelle mag es hilfreich sein, einmal die beiden Pole Absoluter Zufall – Absolute Determination einander gegenüberzustellen, mit ihnen eine Skala des Möglichen zu generieren: 

 

 

 

Ideale Welt 1: Absoluter Zufall.

 

Was wäre eine absolute Zufälligkeit? Wie wäre eine solche Welt strukturiert? Herrschte in ihr totale Willkür? Chaos pur? In der griechischen Mythologie wird der Beginn der Welt beschrieben als eine Zeugung aus dem absoluten Chaos ... in dem sich dann erste Ordnungen ausprägten. In der absolut zufälligen Welt muss alles möglich sein, Naturgesetze müssen veränderbar sein.  

Inwieweit hier aber Potential/Möglichkeit der Veränderung und Notwendigkeit/Realität der Veränderung ausgeprägt sind, verlangt kaum imaginierbare Vorstellungskräfte.  

In der Physik spricht man mitunter von weißem Rauschen – ein Mensch (physisch betrachtet) allerdings ist nur schwerlich mit weißem Rauschen gleichzusetzen, er ist eine konkrete Struktur, die eigentlich einem absoluten Zufall widerspricht.

Wiewohl selbst diese Annahme kritisch zu würdigen ist: In einem absolut zufälligen System müsste ja auch zufällig eine Menschennatur möglich sein. 

In der Welt des absoluten Zufalls könnten Schafe eventuell fliegen (siehe Monty Python), aber eventuell auch wieder nicht. Sie können einmal fliegen und ein andermal nicht. Kurzum, es ist alles möglich und irgendetwas realisiert sich, es gibt keinen Grund dafür.  

In dieser Welt des Wilden Chaos ist Kalkulation eigentlich überflüssig, eine Illusion: Schon morgen könnte alles ganz anders sein. Selbst die Naturgesetze können morgen anders sein. 

In dieser Zufallswelt mag es möglich sein, dass ein Wesen (z. B. ein Mensch) mit purer Willenskraft seine Umwelt verändert; weil in solch einer Welt ja alles vorstellbar und möglich ist und sich irgendwann auch ereignet. Den Individuen kommen somit schöpferische Talente zu. Die aber, und das ist die Crux, nicht unbedingt=zwingend auf die Person des Individuums zurückgeführt werden muss. Denn dieses Individuum könnte gleichsam ein Spielort bzw. eine Puppe sein in der Hand jener Macht, die sich in jener Welt Zufall bzw. Absoluter Zufall nennt.

 

 

Ideale Welt 2: Absolute Determination. 

 

Vom Urknall (sofern das Universum in einem solchen entstanden ist) an entwickelt sich die Welt vollautomatisch wie ein Mechanismus. Man könnte von einem Uhrwerk sprechen, oder von einem Berechnungsprozess.  

Geistbegabte Geschöpfe meinen in dieser Welt eine Entscheidungsfreiheit zu haben – sie verwechseln dabei die Freiheit mit dem Fakt der Entscheidung, die sie treffen. Wie Goethe schrieb: „Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.“

Alle Geschöpfe und alle Strukturen in solch einem determinierten Universum sind versklavt unter die Zwänge der Gesetzmäßigkeiten, denen sie nicht entkommen können. Wobei der Begriff Sklaverei menschlich-okzidental eingefärbt ist mit negativen Konnotationen: Diese feste Form der Körper (wenn man in die Raumzeit hineingeht, sind die Körper demnach feste Objekte, auch jeder Mensch ist dann ein Festkörper, poetischer: eine Art Kristall) kann einem Ideal an Perfektion gleichgesetzt werden. Wo es keine Freiheit gibt, gibt es keine Fehler, Schuld und Sünde sind dann nurmehr Illusionen.

 

 

Beide Extreme Welten spannen den Rahmen auf, in dem sich dieses Universum ereignet. Eine definitive Entscheidung im Sinne von „was-ist-richtig-was-ist-falsch“ lässt sich aus Mangel an relevanter Information sowie der Unfähigkeit, dieses Universum zu verlassen, um es von außen „unbefangen“ zu betrachten, nicht treffen; es bleibt bei Hypothesen. 

Es kann schon als Erfolg betrachtet werden, das Universum in dieses Reaktionsspektrum einzugrenzen; und irgendwo zwischen Idealer Welt 1 und Idealer Welt 2 ereignet sich auch das Universum, das wir geist- wie sprachbegabte Geschöpfe namens Mensch bewohnen. 

 

Von besonderen Interesse: Die Frage nach der Freiheit: Sowohl in Welt 1 als auch in Welt 2 ist kaum zu bezweifeln, dass die individuelle Freiheit als minimal bis gar nicht vorhanden beschrieben werden kann. Was die Schlussfolgerung zulässt, dass auch in den etwaigen Mischwelten zwischen Welt 1 und 2 eine minimale bis inexistente individuelle Freiheit zu konstatieren ist. 

 

Weshalb die Frage erlaubt ist: Warum in den westlichen Kulturen der Freiheitsbegriff an Nummer 1 rangiert, weit vor dem Friedensbegriff beispielsweise oder dem der Liebe. Freiheit, grölt Westernhagen (und mit ihm ganze Konzertsäle), ist das einzige was zählt. 

Warum ist Freiheit so großer Wert, wenn sie offenbar als Illusion betrachtet werden muss? Und an dieser Stelle werden sich die Mentoren des Utilitarismus festbeißen und ihren Spott über die Protégés des Determinismus ausgießen: Warum sollte ein Universum seinen Bewohnern einen solchen Freiheitsbegriff erspürbar machen, wenn er nur eine Illusion ist? Pure Verarsche, um es simplifizierend auf den Punkt zu bringen? 

 

Interessanter Nebenaspekt: Dass mit der Freiheit auch die Pflicht, ja die Verantwortung einhergeht. Dass missbrauchte Freiheit auch mit dem Begriff der Schuld gleichgesetzt werden kann: Wer seine Macht ausnutzt (die ihm Freiheiten verschafft), um andere zu unterdrücken, schädigen, etc., und sich selbst Vorteile zu verschaffen, der lädt Schuld auf sich, der macht sich – oft sogar vor dem Gesetz – strafbar.

 

In einer determinierten Welt gäbe es keine Schuldigen: Es gäbe nur Individuen, die sich eines Regelverstoßes zu verantworten haben. Reue etc. spielte in dieser Welt keine Rolle. 

In einer rein zufallsbasierten Welt wäre Schuld ebenfalls ein überflüssiger Begriff: die Tat bzw. Untat wäre demnach zurückführbar („inspiriert“) von dem launischen und damit unkalkulierbaren Prinzip des Zufalls. 

Jeder Fall wäre damit auch ein Einzelfall, es wäre unstatthaft in der zufälligen Welt, Generalisierungen zu treffen. In dieser Welt kann nichts generalisiert werden, in dieser Welt existieren ausschließlich Einzelfälle. In jedem Augenblick erfindet sich das Universum neu; bricht mit alten Strukturen und kreiert neue, auch undenkbare und absurde.

Auch der Schuldbegriff – wie der Freiheitsbegriff – ist somit in beiden Welten als nahezu irrelevant zu bezeichnen. 

Man könnte es analog betrachten zu dem Titel des Romans von Dostojewski, der ursprünglich „Schuld und Sühne“ lautete – in der neuesten deutschen Übersetzung meint man ihn korrekter wiederzugeben mit folgendem Titel: „Verbrechen und Strafe“. In einer Welt ohne Schuld gibt es in der Tat nur noch Verbrechen und Strafe. 

 

 

 

To sum up: 

Der Grund des Daseins stand am Anfang dieses Aggregats. Warum leben Menschen? Und wofür? Das Spektrum wird eröffnet durch die beiden Idealen Welten.  

In der determinierten Welt sind sie Roboter oder, poetisch gesprochen, Kristalle. Sie sind fertig und auf ihre Weise immer auch perfekt. Oder, mit den Worten der Dichterin Marjana Gaponenko: eingeschlossen wie Fliegen in Bernstein.

Der Preis dieser Perfektion, die man auch Göttlichkeit nennen könnte (weil die ideale Determination unabänderlich, alternativenlos ist), muss der Determinierte mit seiner Freiheit bezahlen. Er ist demnach nur noch ein Beobachter seines eigenen Lebens, ja auch seines Ichs. Er sieht sich zu, wie er lebt, er wird zum Zuschauer. 

Der Sinn ist somit hermetisch und absolut; göttlich und unveränderlich und: fatal. 

 

In der zufälligen Welt in der Mensch gleichsam ein Wunder. Etwas Fantastisches und Flexibles, niemals festlegbares und stets im Fluss begriffenes. Durch diese Flexibilität wird das Leben aber auch immer ungreifbarer, poetisch gesprochen, durchsichtiger und magischer. Hier darf man an Hexen glauben und an die absurdesten Verschwörungen, hier hat Moses das Rote Meer tatsächlich geteilt.

Individuelle Freiheit ist hier allerdings auch nicht gewährleistet: In diesem wilden Pool ist Freiheit auch bestenfalls ein Zufall. Zufällig kann sie da sein, zufällig auch nicht. 

Mit dem Zufall zu schlafen kann irren Spaß machen, aber man kann auch die schrulligsten Krankheiten davontragen. Alles ist möglich und nichts notwendig. Der Sinn bestünde hier im Staunen, mitunter auch im Genießen. Und dann auch im Aushalten und Erdulden, wenn der Gegenwind aufkommt. Ein solches Leben ist im Progress, immer lückenhaft, unvollständig. Wild, stürmisch, unkalkulierbar und rätselhaft. Der Sinn ist bestenfalls in der Sinnlosigkeit zu lokalisieren.  

 

Oder wie bei Douglas Adams: „42“.