Tolya Glaukos.
Zufallsforschung.
Zufallsmessverfahren.
Random Research.
CAUSA EFFICIENS:
Private Investigations. Eine bescheidene Ausdeutung des Universums.

INHALT:

Causa efficiens.
Private Investigations. Eine bescheidene Ausdeutung des Universums



Aggregat 1: Ideale Welten

Aggregat 2:

Moral.

Mit Franz Woyzeck. 

 

(Als PDF downloaden)

 

 

 

Hauptmann: "Woyzeck, Er ist ein guter Mensch — aber (mit Würde) Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort.“  

 

Georg Büchner gelang es trefflich, die Hohlheit seiner Zeitgenossen mit banalen Phrasen und Stammeleien seiner Protagonisten zu illustrieren. Moral, das ist, wenn man moralisch ist: Die Moral besteht darin, dass man sich an der Moral ausrichtet. Womit sie Selbstzweck wird; purer Mechanismus.

Und doch ist Moral, wie man hieraus schlussfolgern könnte, niemals statisch gewesen. Nichts liegt näher als von einer Evolution der Moral zu sprechen. Beziehungsweise von Kodizes, nach denen sich die Mitglieder einer Gruppe ausrichten. Moral hat sich, wenn man sie über Jahrhunderte hinweg beobachtet, als genauso flexibel erwiesen wie die Mode. 

 

Innerhalb der Moral gibt es ein enggefassteres Reglement, eine Art Korsett: Die Gesetze. Sie sind bindend, während sich innerhalb der gängigen Moral große Grauzonen befinden, die hier und dort recht wuchtig aus dem Korsett herauszuquellen scheinen. Mitunter spricht man diesbezüglich von Doppelmoral: Innerhalb der herrschenden Moral hat sich ein unmoralischer Geheimkodex herausgebildet, der nach außen hin vertuscht, verdeckt, verheimlicht wird. Oftmals ging aus solchen Geheimkodizes später eine Erneuerungsbewegung hervor, um die moralischen Gesetze „der Realität“, „dem Zeitgeist“ wieder anzupassen. Eine Gesellschaft, die restriktiv lebt und auf alten, überalterten moralischen Gesetzen beharrt, wird, sofern sie beispielsweise vom technologischen Wandel verändert wird, in sich immer größere Risse entwickeln, die schlussendlich zu einer moralischen Revolution führen. (etwa die der Pille, der 68er, der Rolle der Frau in der postmodernen Gesellschaft).

 

Aus spieltheoretischer Perspektive betrachtet könnte man hierzu eine kleine Spielanleitung definieren: Die Moral gibt einen Fairplay-Rahmen vor, der nicht en detail ausformuliert ist; in dessen Kern aber die eigentlichen Spielregeln eingefasst sind, die nicht verletzt werden dürfen.

 

Der Büchnersche Hauptmann ist der Prototyp eines Spießers, er begnügt sich mit dem Moralpredigen. Das erinnert an Schopenhauers 

 

Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.  

 

Ein Satz, der es übrigens in sich hat. Ohne mich seines Kontextes zu versichern, entdecke ich ad hoc eine belangvolle Mehrdeutigkeit darin. Was kann man unter Moral begründen verstehen? Die Moral, die besteht, begründen?

Oder die Moral an sich begründen? Man könnte die Frage aufwerfen: Wozu brauchen wir überhaupt Moral? Ist menschliche Gesellschaft auch ohne Moral denkbar?

 

Aus der Perspektive der Idealen Welten sieht es wie folgt aus: In der Ideal Zufälligen Welt herrscht ideales Chaos. Moral wäre somit nur ein Phänomen, das so aussieht wie eine Struktur. Da es aber in dieser Welt nur Einzelfälle geben kann, ist diese Moral ein rein stochastisches Phänomen, das sich anteilig auch aus Gruppendynamiken speisen mag. (wobei Gruppendynamik ein nichtzufälliges Element in sich bergen könnte und daher problematisch ist in diesem Kontext.) 

 

Aus der Perspektive der Ideal Determinierten Welt betrachtet wäre Moral eine Struktur. Sie sähe nicht nur so aus, sondern wäre ganz rigide eine solche. In dieser Welt geschieht nichts ohne Grund: die Moral, die zu einer bestimmten Zeit herrscht, wäre somit das Resultat der Umgebungsdaten eines bestimmten Milieus. Sie unterläge einer Gesetzmäßigkeit wie sonst nur die Naturgesetze verallgemeinernden Charakter haben. Die Moral trüge somit nicht nur in ihrem Kern Gesetze, sie wäre Gesetz. Allerdings eines, das sich im Laufe der Zeit verändern kann – wie das Wetter. Wiewohl das Wetter als Ganzes betrachtet innerhalb seines Rahmens, dem Rahmen des Wettermöglichen, sich ereignen müsste.

 

Die Frage nach dem moralischen Inhalt, die in Schopenhauers Zitat hineingelegt werden kann, ist ihrerseits sehr anregend zu durchdenken. Wenn die Moral ein bestimmtes Verhalten als erwünscht definiert – und in hundert Jahren exakt das Gegenteil als sinnvoll ausweist (z. B. die Rolle der Frau, die im christlichen Weltbild dem Manne untertan sei, wohingegen das aktuell-atheistische Weltbild von einer Gleichheit der Geschlechter ausgeht), wird ersichtlich, wie fragwürdig die Moral an sich zu bewerten ist.  

Der Inhalt einer moralischen Regel ist abhängig von anderen moralischen Regeln. Wenn sich – etwa durch Umwälzungen im Weltbild, z. B. vom religiösen zum wissenschaftlichen Weltbild – grundlegende Paradigmen ändern, dann kippen mit ihnen viele moralische Regeln um, mitunter ins Orwellsche Gegenteil, so dass Frieden auf einmal wie Krieg wirkt usw.. 

Es kann zu Kettenreaktionen kommen, moralische Verwerfungen. Die Zeiten dieser Übergänge von einer in die nächste Phase ähneln den Wirren zu Zeiten von Revolutionen. 

Die jüngste Revolution in der Menschheitsgeschichte ist die der hypertrophierenden wissenschaftlichen Neuerungen. Durch sie stellen sich jeden Tag neue Fragen an die Moral der Gesellschaft; scheinbarer Nutzen einer neuen Technologie muss abgewogen werden mit dem gefürchteten Schaden für die Gruppe.  

Mitunter ändert sich die Moral in Gruppen, die einen Entwicklungsprozess durchlaufen haben. In den Ländern der sogenannt Ersten Welt hat sich zum Beispiel ein agnostisches, kapitalorientiertes Weltbild durchgesetzt, in dem gänzlich andere moralischen Werte hochgehalten werden als in anderen, der Religion sich unterordnenden Staaten.  

Wenn, wie in den Tagen der Niederschrift dieses Textes die Sudanesen von ihrer Regierung verlangen, eine britische Lehrerin hinzurichten, weil sie erlaubt hatte, dass die Schüler ihrer Schulklasse einen Teddy auf den Namen Mohammed taufen – wenn diese Lehrerin von der sudanesischen Legislative zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt wird (um einige Tage später doch begnadigt zu werden) – dann kann man genau erkennen, wo die Unterschiede zwischen diesen Gesellschaften anzusiedeln sind: In der westlichen Welt erregt solch ein Aufruhr nur milde-ironisches Lächeln. Sind die dort unten wirklich so naiv? Bzw.: so bescheuert?

 

Insbesondere die Religion hat die Moral deutlich bestimmt in den vordemokratischen Zeiten. Hat Tabus aufgestellt, die um die Heiligkeit Gottes ein Geheimnis machen wollten. Auch die Mohammed-Episode passt in dieses Schema: Sowohl die Abbildung Gottes sowie dessen Propheten als auch deren Namen gelten als tabu.  

Bescheidener Deutungsversuch: Die Gruppe der Gläubigen fühlt sich offenbar in ihrem Fortbestand bedroht, wenn Gott oder Gottes Prophet mit profanen Gegenständen oder Abbildungen in eins gesetzt wird. Wobei eine Crux ignoriert wird: Dass der Gott des Islam an sich verstanden werden kann als naturmystischer All-Gott, das heißt, alles Irdische ist auch Teil von Gott, Teil der Gottesnatur. Weshalb Natur, Mensch, Kultur sowie Gottesabbild ihrerseits immer schon per se Teile von Gott und damit auch Abbildungen bzw. Miniaturisierungen von ihm sein müssen. (Um derlei Ausdeutung zu wagen, muss man kein Sufi sein.)

Aber logische Erwägungen bzw. Schlussfolgerungen stellen das Moralsystem oft vor unüberwindbare Hürden, Moral benötigt einen gewissen Grad an Einfachheit, weil sie massenkompatibel sein muss. Veränderungen gehen in der Regel stetig, aber auch recht langsam vonstatten. Die Moral ist durchaus belehrbar und schmiegt sich an den neuen Zeitgeist schnell an, ihre Flexibilität ist hierbei oftmals erstaunlich. Es ist ein Entwicklungsprozess zu beobachten: Es gibt ein bestehendes Moralsystem, in dem durch die Geistestätigkeit der Denkenden Elite neues Wissen geschaffen wird, mit dem das bestehende Moralsystem dann langsam modifiziert wird. Der Untergang der religiösen Moralvorstellungen in der Ersten Welt korrespondiert mit dem sich etablierenden, an immer mehr Macht gewinnenden wissenschaftlichen System – das sich nun dem Moralsystem einschreibt und ihm gewissermaßen seine Kodizes aufoktroyiert.

Und hier beginnt sich ein neuer Absolutheitsanspruch herauszubilden, der kritische Stimmen kleinzuhalten versucht. Es hat nur noch Wert, was Wissenschaftler über die Beschaffenheit der Welt, der Materie, der belebten Organismen etc. herausgefunden haben. Wobei nur selten hinterfragt wird, ob die neueste Erfindung wirklich der Zukunft des Menschengeschlechts dienlich ist. Eher macht es den Eindruck, es gehe vorwiegend um Machbarkeiten; sobald eine Technologie realisierbar scheint, wird sie realisiert. Man könnte das auch mit einem „Nach-vorne-stolpern“ beschreiben, bei dem der Stolpernde immer schneller rennen muss, um nicht auf die Nase zu fallen. 

Es gibt nur wenige Fälle, wo der Kodex der Forschung einen Riegel vorschiebt: Etwa beim Klonen menschlicher Organismen. Wobei die Begründung dieses Klonforschungsverbots im öffentlichen Raum (z.  B. dem Feuilleton) primär eine emotionale bleibt: Weil sich das nicht schickt. Weil ein Klon als Zweitmensch erscheint, der sich seiner Identität vom ersten Tag an beraubt fühlen müsste: er wäre ein Mensch zweiter Klasse. Was ein unsinnig-emotionales Argument ist, denn jeder Klon hat selbstredend einen eigenen Geist, ist nichts anderes als Zwilling, und wer würde bestreiten, dass Zwillinge selbständig denkende Wesen wären.

 

An dieser Stelle drängt sich noch ein Aspekt in diesen Essai hinein, der im soziokulturellen Teil der Feuilletons oft und gerne moralisch bewertet worden ist: Der Aspekt der genetischen Abstammungslinie. Der Staat organisiert seine Gesellschaft in der strengen Zuordnung der einzelnen Mitglieder im Rahmen der genetischen Abstammungslinie, sucht zu jedem Kind den genetischen Vater, stellt ihn notfalls per Zellprobe auf dem juristischen Weg fest (wie im Falle einer Gruppensexorgie mit nachfolgender Schwangerschaft; aus zehn der Vaterschaft verdächtigten wurde auf diesem Weg der Vater ermittelt). Selbiger Vater ist dann unterhaltspflichtig etc.pp.  

Im Falle der Gruppensexorgie ist es schon fast parodistischer Natur: einer der Zehn hat die berühmte Arschkarte gezogen und darf nun ein Kind sein eigenes nennen, mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten. Was aber wäre nun, wenn zwei Zwillingsbrüder bei der Orgie dabeiwaren? Man könnte nicht (wie in einem vergleichbaren Prozess in den Vereinigten Staaten) feststellen, wer der Vater des Kindes ist – weil BEIDE der Vater sind, wenn man den genetischen Indizien nachfolgt, und das ist die Rechtsprechung dieser Tage.

Eine Definitionslücke also. 

Ein Zwilling, der Onkel geworden ist, ist automatisch auch Vater geworden im genetischen Sinn. Ein Fall, der sich in dieser Weise auf diesem Planeten jeden Tag hundertemal ereignen wird, nur dass niemand versucht, dies juristisch zu monieren. Denken Sie nur: Bill Gates hätte einen Zwillingsbruder, der ein ärmlicher Schlucker ist, aber eine Frau geschwängert hat – die könnte behaupten, das Kind sei von Bill Gates!

Der Glaube an die genetische Identität ist ein heikles Thema – und doch wird auch mit ihr das moralische System gefüttert. 

 

Will sagen: Moral und auch Gesetzgebung konzentriert sich auf vage Beweismittel. Unschärfe ist Teil dieses Systems, ja von zwingender Notwendigkeit.  

 

Die gängige Moral wurde zu allen Zeiten von Außenseitern und Anderslebenden in Frage gestellt. Besonders markant war die immoralistische Bewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die die Aufklärung mit ihren häretischen Ansichten dienstbeflissen und von allen Seiten zugleich torpedierte. Dostojewski stellte die wohl straighteste Frage für diese – manchmal auch nihilistisch genannte – Denkhaltung: 

 

Aber wenn Gott tot ist – dann ist doch alles erlaubt? 

 

Wie Nietzsche vollzog auch Dostojewski die Abkehr von der Religion, öffnete sich und seine Kultur dem agnostisch-wissenschaftlichen Weltbild, drehte der christlichen Lehre eine lange Nase. Ohne Gott war Schuld und Sühne kein Thema mehr – ab jetzt handelte es sich um Verbrechen und Strafe. Ab jetzt war es ausschließlich der Staat, der die allgemeingültigen Regeln neu definierte oder zuschnitt, nicht mehr die Bibel oder andere sich auf göttliche Inspiration berufende Schriften.

Ab jetzt war nurmehr das erlaubt, was nicht verboten war – jenes nach staatlich-juristischen Grundsätzen konfigurierte Regelwerk (wie das Bürgerliche Gesetzbuch) begann die Nachfolge der heiligen Schriften anzutreten.

Die Moral wurde zur Staatsmoral. 

Die Immoralisten begannen gegen diese sogenannte Herrenmoral zu kämpfen; sie rebellierten gegen die Herrscher, die Grundsätze aufstellten und Fehlverhalten sanktionierten. Und dieser Kampf wird bis heute ausgefochten: Zwischen den Mächtigen und den völlig Machtlosen (machtlos im Sinne der machtstrategischen Ressourcen; nicht der intellektuellen).

Oder: Zwischen den Besitzenden und den Nichtsbesitzenden (Rebellen). 

Die beiden Gruppen bilden die eigentlichen Pole der Gesellschaft. Sie sind beide meist mit großer Intelligenz und kausaler Stringenz gesegnet. Beide verfolgen meist ein ähnliches Ziel: Ihre erträumten Maßstäbe der Welt überzustülpen. Dazu wählen die einen (die Opportunisten) gerne den Weg des Einschmeichelns und Hochschleimens, im Volksmund gerne Arschkriecherei genannt. Klaus Wowereit spricht von der Ochsentour, Joschka Fischer joggte durch die Institutionen treppauf, treppauf; oben angelangt, empfand auch er sich als Opfer der Realpolitik; freilich ohne das in diesen Worten zu kommunizieren. Weil sie keine andere Wahl haben, als auf diesem Weg nach oben dem gängigen Moralsystem in den Arsch zu kriechen – bis sie schließlich in den Entscheidungszentralen angelangt sind und sich herausnehmen können, neue Akzente zu setzen.

Bzw. könnten. Die Crux dieser Hochdienerei hat sie dressiert, hat die Regierenden zum Reagieren gedrillt, sie können sich nur selten davon lösen (wie zeitweise Willy Brandt). Eigenes Agieren wird vom Korpsgeist der Hierarchie eliminiert; wer es sich herausnimmt, steckt schnell in der Ecke der Querdenker (Heiner Geißler, Oswald Metzger). Da fällt es Quereinsteigern und Himmelsstürmern (Gründer von Google, Microsoft) leichter, Surrogate der etwaig vorhandenen Dissidentennatur mit auf den Thron zu nehmen. Oder die paar politischen Superaufsteiger aus dem Nichts an die Spitze, die ihr unkonventionelles, rebellisches Gebaren immer weitergetrieben haben, bis auf die höchste Spitze, den Gipfel ihres Größenwahns; wie Napoleon, wie Hitler. 

 

Die Konträren hingegen entscheiden sich gegen die Hierarchie und wählen damit den Weg der Rebellion. Es kann eine stille Rebellion bleiben, die in der Psychiatrie oder der Straßenbettelei, am Straßenstrich endet, es kann den Rebellen ins Gefängnis bringen oder dafür sorgen, dass er im Drogenmilieu untergeht (wenn er sein Ventil nicht öffnen kann und seine Ansprüche, die er nicht befriedigen kann, von den Drogen dominieren und eliminieren lässt). 

In vereinfachender fantastischer Literatur werden die beiden Seiten gerne mit dem Gut-Böse-Schemata versehen: hier die bösen Mächtigen, dort die guten tapferen, aber armen, im Untergrund lebenden aufrichtigen Recken. 

In der politischen Gegenwart zeichnet sich ein ähnliches Gut-Böse-Schema ab: Hier die bösen Kapitalisten und Weltbeherrscher und Großkonzernbesitzer (oder gleich die ganze sogenannte Erste Welt), dort die guten Terroristen bzw. die Letzte Welt. 

 

Die Mächtigen versuchen die Weltgesellschaft=Menschheit zu ordnen und zu dominieren, versuchen das Moralsystem nur in den Maßen anzupassen, wie es gerade eben nötig ist; sie sind durch und durch Reaktionäre. Die Ohnmächtigen, die aber rebellische Kraft oder Stolz in sich wähnen, um den die Mächtigen sie beneiden, versuchen das gesamte Gefüge des Moralsystems zu revolutionieren: am liebsten wollen sie ALLES umstürzen.  

Und eine Revolte gegen die Vorstellungen der sogenannten Ersten Welt ist rein statistisch gesehen durchaus gerecht zu nennen: Die Erste Welt ist eindeutig in der Minderheit. 

Nichtsdestotrotz versucht diese versnobt-dekadente Teilgesellschaft, die Restgesellschaft zu dominieren. Versucht für sich selbst sinnvolle moralische Strukturen zu etablieren und übersieht, dass in den rückschrittlicheren bzw. unaufgeklärteren Ländern eine andere Struktur vorherrschen muss. Muss, weil hier weniger Luxus gegeben ist, weniger Möglichkeit zu Dekadenz, Selbstentfaltung und Freizeitverhalten etc.pp. existiert. Der Überlebenskampf in der Letzten Welt ist der Kampf ums Dasein, der Überlebenskampf in der Ersten Welt ist der Kampf um eine Zukunft des Menschengeschlechts, weshalb sich hier insbesondere die Fragen um ökologische Belangen aufdrängen, die in Gesellschaften, wo die Einzelnen um ihr Einzelüberleben kämpfen, nicht etablierbar sein können.

 

Seit die menschliche Gesellschaft ihren Moralkodex entwickelt hat (und auch im Tierreich könnte man sehr wohl von Moral sprechen; von Erziehung der jüngeren durch die älteren Tiere), hat sie diesen Kodex auch gleichzeitig immer wieder in Frage gestellt.  

Ist eine Gesellschaft denkbar OHNE ein moralisches System? Wie könnte man sich eine immoralische Gesellschaft vorstellen? Oder wäre dieser Immoralismus selbst schon wieder ein moralisches System? 

In der Idealen Welt des Zufalls ist Moral selbst nur ein zufälliges Gesetz. Bzw. eine zufällige Struktur, die sich ebenso zufällig modifiziert, und das mit jedem Tag: Sie verändert sich wie das Wetter. 

In der komplett determinierten Welt unterliegt die Moral den Gesetzen der Determination: niemand hat hier die Möglichkeit, auf den Weltlauf einzuwirken. 

 

Die Moral ist somit eine Naturerscheinung. Wo menschliche Gesellschaft existiert, existiert menschliche Moral. Und existiert zugleich die Infragestellung dieser menschlichen Moral. Genaugenommen: konstituiert sich diese Moral durch ihre permanente Selbstinfragestellung; und bildet somit ein System mit Autofeedbackschleifen, sich selbst verstärkenden oder wieder abschwächenden Hyperzyklen. 

 

 

Eine auf ersten Blick sehr attraktive und nächstenliebende Ethik definiert der Utilitarismus. Hier steht das Nützlichkeitsprinzip im Vordergrund: Handle so, dass das größtmögliche Glück entsteht (Maximum-Happiness-Principle). Was im ersten Moment sexy aussieht – aber wie befördert man eigentlich das Glück? Oder ist Glück nur ein Zyklus, der sich via Glücks-Unglücks-Kurve vergleichbar einer Sinus-Cosinus-Schwingung letztendlich immer um eine Null-Linie einpegeln muss? 

Und dann die Frage: Glück für wen?  

Und: Wie das Glück verteilen? 

 

Und die nächste Frage schneidet noch tiefer ins Fleisch: Glück für Menschen oder auch für die Tiere? Glück für den Planeten Erde? Glück für das Universum? Wie lässt sich das bewerten? Das Glück von heute kann anders definiert sein als das Glück im Mittelalter, in der Antike? 

 

An dieser Stelle müsste man in die Glücksphilosophie einsteigen. Mein persönliches Glück lebt vom vorangegangenen Unglück. Und mein Unglück vom vorangegangenen Glück. Die beiden Pole halten sich in mir die Waage: nach extremen Glück kann es zu extremen Verzweiflungsanfällen kommen, et vice versa.  

Wiewohl diese Art Glück schon mit Rausch gleichgesetzt werden könnte. Man könnte auch ein weniger hormonell-ekstatisches Glück annehmen. Das Glück zum Beispiel, wie es die Buddhisten annehmen. Sie beschreiben es im Zusammenhang mit dem Erleuchtetsein. Dieses Glück ist ruhig und unspektakulär, bescheiden, nicht schwelgend oder überschäumend. 

 

Aber zurück zum Ursprung dieser Überlegung: Wie kann es gelingen, seine „Umgebung“ glücklich bzw. glücklicher zu gestalten oder mitzugestalten? An welche Maßstäbe müsste ich mich halten? Was wäre die ideale Moral für eine solche Glücksphilosophie? 

 

Die meisten Religionen haben sich von dem Glück abgewandt, konzentrieren sich darauf, bei ihren Anhängern das in Übermaß vorhandene Leid zu lindern, sie zu trösten. Es geht um Lebenshilfe, um psychische Unterstützung. Hierzu wenden die Religionen immer auch eigene Moralkodizes an: Mit dem Ziel, die Schäflein zu deren Vorteil zu erziehen.

Im Gegensatz zu der staatlichen Gesetzgebung hat das religiöse Moralsystem einen Freiwilligkeitsfaktor integriert: Der Gläubige unterwirft sich oder gibt sich diesem Glaubenssystem aus freien Stücken hin. Er sucht Erziehung oder Anleitung zum größeren Glücklichsein oder zum Vermeidenlernen von Leid. 

 

Was heißt Glück nun? Vermeiden von Leid? Buddhistisches In-sich-selbst-ruhen? Räusche a la Heroin? Kollektive Harmonie? Gruppensex vor dem Forum Romanum? Weltweiter Choralgesang? Die Realisierung der Menschenrechte? Der Friede mit den Tieren und Pflanzen? Und vielleicht auch noch die tiefe Innigkeit mit den Atomen und den Spiralgalaxien? Das Namaste der Hindus, das Tawhit im islamischen Glauben? Die Prikulation zweier Liebender?

 

 

 

 

 

Conclusio: Moral ist immer Menschenmoral 

 

In dem wissenschaftlichen Weltbild der Jetztzeit steht die Moral der Erhaltung der Gattung im Zentrum des Interesses. (in der islamischen Welt ist es noch anders: Allahs Gesetz ist nach wie vor zuständig für sämtliche irdischen Belange. Allah bestimmt, was gut für die Menschheit ist, es gibt keine Eigenverantwortlichkeit der menschlichen Gattung). 

Das anthropozentrisch-wissenschaftliche Weltbild definiert das als gut, was der Menschheit zu ihrer Fortentwicklung bzw. zur Bestandssicherung dient. Wonach alle Inhalte prinzipiell diskutabel sein müssen, selbst die, die vorübergehend schwierige Konsequenzen bedeuten, aber langfristigen Nutzen versprechen. Ein Anspruch, aus dem sich immer wieder ernstliche Probleme ergaben - etwa bei faschistischen Entwürfen (welche in nucleo bei Nietzsche imaginiert worden sind): Der Mensch schützt das Lebensunwerte und Schwache, bis er selbst durch und durch schwach ist, und das sei ein Fehler.

Erklärten die Rassentheoretiker. Eine These, die im Tierreich ihr Vorbild sucht: Der starke Löwe reißt das schwächste Reh. (warum eigentlich? aus Bequemlichkeit?) 

Auf diese Weise wird der Genpool der Rehe auf höchstem Niveau gehalten, so lautet die im Kern eigentlich griffige These dieser Postdarwinianer. Ihre Grundmotivation ist anti-individualistisch, Rassentheoretiker denken gruppenorientiert: Die beste genetische Gruppe sollte sich durchsetzen. Ein Konzept, das gemeinhin als amoralisch gebrandmarkt wird, aber gleichfalls ein moralisches Konzept verfolgt. In dieser Philosophie zählt das Individuum weniger, das Kollektiv ist wichtiger. Eine Philosophie, die auch die demokratisch-wissenschaftliche Gesellschaft anfang des 21. Jahrhunderts auf ihre eigene Weise praktiziert: Wenn ein Mensch eine gefährliche ansteckende Krankheit hat, wird man ihn auf die Isolierstation bringen – notfalls wird er für den Rest seines Lebens dort leben müssen, weil er eine Gefahr für das Kollektiv darstellt. 

 

Letztendlich drehen sich alle Moralkodizes um ein ähnliches Ideal, auch die wissenschaftliche Moral stellt sich permanent diese Frage: Ist es gut für die Menschheit? Oder ist es schlecht für die Menschheit? 

 

Worin sich letztendlich ein enormer Chauvinismus ausdrückt, nämlich der Erhebung der Menschheit  über andere Lebensformen und -strukturen. Die Menschheit schafft sich Spiel- und Aktionsraum, indem sie den Raum anderer Lebensformen einengt. Sie drückt ihr System durch, unterwirft ihrem Schema alle anderen belebten oder nichtbelebten Organismen.

Aber wie sollte man auch abstrakt-moralisch denken können, also unvoreingenommen, wenn man ein Teil dieser Menschenrasse und damit des menschlichen Geistes ist? Wie sollte man sich außerhalb des Universums stellen können, um neutral bewerten zu können, was gut ist – gut für den Planeten Erde, gut für die Menschen, die auf selbigem leben, gut die Tiere, die Pflanzen, gut für das Universum, gut für die Einzeller und gut für die Energiequanten, die Photonen und die Seepferdchen ...

 

Das Dilemma ist und bleibt dieses: Es gibt keine Möglichkeit zu erfahren, wofür das Universum gut ist. Denn das Universum selbst IST (wie auch Stephen W. Hawking vermutet). Um es einmal latent-gnostisch auf den Punkt zu bringen: Seine Teile können niemals das Ganze erfahren, nur das Ganze kann als Ganzes seiend sein eigener Selbstzweck sein. Um den Sinn des Universums in Erfahrung bringen zu können, müsste man ein Außen annehmen – etwas, das dieses Universum aus neutraler Position betrachtet und eventuell auch bewertet. Doch ob es ein solches Außen gibt – ist reine Spekulation, muss reine Spekulation bleiben.

 

 

Und selbst wenn es ein Außen gäbe – es dürfte keine Einwirkmöglichkeit haben auf das Innen, denn in einem solchen Fall wäre das System Universum nur noch größer, ein Super-Universum etwa, auf das sich die aufgeworfenen Fragen ausweiten ließen.

Nein, angenommen, es gäbe ein unabhängiges Außen, das moralisch neutral das Geschehen auf dem Planeten Erde beurteilen könnte, eines, das keine Interaktionsmöglichkeit haben könnte, also ausschließlich Zuschauer wäre ... höchstens dieser ideale neutrale Betrachter könnte das Verhalten der Menschheit sowie deren Moralentwürfe eventuell bewerten.

 

Könnte. 

Denn im Sinne der Idealen Welten ist die Moral der Menschheit entweder eine Wundermoral/ein Zufallsspiel, oder sie ist eine Wettermoral/eine Modemoral.  

 

Will sagen/Conclusio (mit Büchner, verkürzt, und Hawking paraphrasierend):  

 

Moral ist.