Tolya Glaukos.
Zufallsforschung.
Zufallsmessverfahren.
Random Research.
CAUSA EFFICIENS:
Private Investigations. Eine bescheidene Ausdeutung des Universums.

INHALT:

Causa efficiens.
Private Investigations. Eine bescheidene Ausdeutung des Universums



Aggregat 1: Ideale Welten

Aggregat 4:

Sinn und Geist,

Sprache und ICH.

 

 

 

 

 

 

 

Wenn man den aktuellen philosophischen Diskurs verfolgt betreffs des Komplexes Zufall & Notwendigkeit, stößt man auf sehr konträre Denkschulen bzw. Positionen, die das gesamte Spektrum des Denkbaren wiedergeben und damit auch das Spektrum der beiden Idealen Welten mit abdecken.

 

 

1. Kompatibilismus 

Die These, dass Freiheit und Determinismus vereinbar sind.

 

2. Inkompatibilismus  

Die These, dass Freiheit und Determinismus nicht vereinbar sind.

 

3. Libertarier 

Inkompatibilist, der der Meinung ist, dass es Freiheit gibt und dass daher der Determinismus falsch ist. 

 

4. Weicher Determinist 

Kompatibilist, der der Meinung ist, dass es Freiheit gibt und dass die Tatsache, dass der Determinismus wahr ist, daran nichts ändert. 

 

5. Freiheitsskeptiker

Vertreter der Auffassung, dass es keine Freiheit gibt. (Zu den Freiheitsskeptikern gehören auch die harten Deterministen – Inkompatibilisten, die behaupten, dass es keine Freiheit gibt, weil der Determismus wahr ist.)

 

 

 

Wenn ich meinen Ansatz von den Idealen Welten gegen diese Denkschulen vergleichend ins Licht halte, komme ich zu folgendem Schluss: 

 

Der Kompatibilismus ist ein fauler Kompromiss. Er versucht den Spagat, aber scheitert. Denn gemäß meiner Theorie von den Idealen Welten muss man sich folgende Frage stellen: Gibt es den idealen Zufall? Also: Gibt es Wunder? Wenn ja, dann ist die Welt zufällig und damit unkalkulierbar. Ohne Wunder ist die Welt determiniert.

Freiheit meint Entscheidungs- oder Handlungsfreiheit, meint eine Wahl, und meint damit auch eine Wahl gegen das Sinnvolle, meint etwas Unkalkulierbares, etwas Wundersames oder mitunter auch Verrücktes. 

Dass Freiheit und Determinismus gleichzeitig existieren können – dazu müsste das Universum alternieren: müsste seine Gesetze einmal nach dem Prinzip des Wunders, ein andermal nach dem der Determination ausrichten. Dies könnte dann zeitlich variabel sein: heute gibt’s Wunder, morgen keine. Oder auch räumlich bzw. in den Größendimensionen, wie etwa: Im Makrokosmos gibt’s keine Wunder, wohl aber im Mikrokosmos. 

Undenkbar ist der Kompatibilismus nicht. Er ist allerdings auch nicht gerade naheliegend, in seiner Unschlüssigkeit gewissermaßen exzentrisch, kapriziös. Anhänger dieser Theorie müssen demnach ein exzentrisches Weltbild haben.  

 

Die Inkompatibilisten decken sich mit dem Konzept der Idealen Welten insofern, dass es demnach entweder Wunder gibt ober keine. Diese Denkschule wirkt aus diesem Blickwinkel sehr schlüssig.

 

Der Libertarier ist ein Vertreter der Idealen Welt des Zufalls bzw. des Wunders.

 

Der weiche Determinist ist ebenfalls einer, der einen faulen Kompromiss eingeht. Er geht sogar noch einen Stück weiter, behauptet gewissermaßen, dass weiß gleichzeitig auch schwarz sein kann.

 

Der Freiheitsskeptiker ist ein Vertreter der Idealen Welt der Determination.

 

 

Es fällt schwer, die Entwürfe zu bewerten nach ihrer Wahrscheinlichkeit bzw. ihrem Grad von Sinnigkeit. Könnte doch, anstelle eines effektiven und logischen Universums auch eines existieren, das paranoide Züge trägt – etwa, weil der liebe Gott und Weltenschöpfer Lust hatte, ein Universum zu gestalten, in dem so unsinnige und komplexe Gesetze gelten wie nur möglich, und in dem dann die Insassen bzw. Bewohner geradezu wahnsinnig werden müssen an dessen unbegreifbarer Struktur.

Diese paranoide Welt könnte immerzu tricksen und neue Gemeinheiten erfinden, sobald jemand ihr gerade auf die Schliche zu kommen droht ... das zentralste aller Weltgesetze könnte somit auch das Gesetz des hysterischen Irrsinns sein, nach dem sich dieses Universum sekündlich immer wieder neu erfindet und in dieser Neuerfindung gewissermaßen karikiert ... mit immerneuen paranoiden Tricks aufwartet, aus reinem Spaß an der Blödsinnigkeit oder der Camouflage.

 

 

Wie geht man als geistbegabtes Geschöpf nun mit diesen Argumenten um? Und wie bewertet man das, was im 3. Aggregat ausgeführt wurde: Ob man mittels Gedanken sein Leben positiv beeinflussen kann? 

Hierzu müsste man erst einmal definitiv klären, ob diese Annahme wirklich korrekt ist: Also dass beispielsweise die Atmung der Beeinflussbarkeit des Geistes unterliegt; was bedauerlicherweise Hypothese bleiben muss. Zwar sprechen wissenschaftliche Testreihen als auch die Erfahrungswerte für diese These, aber beweisbar ist sie nicht, allein schon aus dem Grund, dass auch die Prozesse der Atmung letztendlich den nicht definitiv eruierbaren Gesetzen dieses Universums unterliegen müssen. Um jemals Klarheit zu erlangen, müsste man also diese Grundfrage lösen, und das ist unter Bezugnahme auf den gegenwärtigen Kenntnisstand zu der Struktur des Universums unmöglich.  

 

Ist es wirklich unmöglich? 

 

Wir wissen also nicht und werden nie wissen? 

Lässt sich der Sokratesspruch wenigstens beweisen: Ich weiß, dass ich nichts weiß?

 

Aber woher weiß ich das so genau? 

Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der die Erkenntnis unwiderlegbar wäre? Was wäre ein definitiver Beweis? Hieran hat schon der Mathematiker Kurt Gödel mit Hilfe von mathematischen Beweissystemen eine wegweisende proto-philosophische Vorarbeit geleistet. Das Unikum nennt sich Gödels Unvollständigkeitssatz und lautet wie folgt:

 

Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.  

 

Kurzum: In jeder formalen Theorie, welche mindestens so mächtig wie die Theorie der natürlichen Zahlen ist, bleiben wahre (und falsche) arithmetische Formeln übrig, die nicht innerhalb der Theorie beweisbar (widerlegbar) sind.  

Es ist zwar ein weiter Spagat zwischen dieser formale-Systeme-Mathematik und strikter Philosophie, aber dieser Unvollständigkeitssatz passt wunderbar in das Schema von selbiger:

Wie bereits angedeutet, könnte nur ein Wesen oder Geist außerhalb des Universums und außerhalb der Zeit eventuell dieses Wissen haben (eventuell). Ein Wesen, das innerhalb dieser Gesetzmäßigkeiten sich bewegt, also involviert ist in selbige, wird niemals eine lückenlose, definitive Erkenntnis haben können über die Welt, in der er lebt und die Gesetze, die in ihr herrschen und auch über ihn herrschen.

 

Auch in die aufblühende Informatik wurde Gödels Theorem schnell übertragen, der Translator war Alan Turing, der in On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem (28. Mai 1936) die Ergebnisse Gödels für das Fachgebiet der Informatik diskutierte. Er ersetzte dabei Gödels universelle, arithmetisch-formale Sprache durch einfache, formale Geräte, die sogenannten Turingmaschinen. Turing bewies, dass solch ein Gerät in der Lage sei, „jedes vorstellbare mathematische Problem zu lösen, sofern dieses auch durch einen Algorithmus gelöst werden kann“.

Auch wenn die Turingmaschine eine theoretische Maschine bleibt, weil sie eine unendliche Anzahl von Feldern des Eingabebandes voraussetzt, ist sie noch immer äußerst beliebt in der theoretischen Informatik. Mit ihrer Hilfe konnte Turing beweisen, dass es keine Lösung für das Entscheidungsproblem gibt – jenes Problem, das auftritt, wenn man die Allgemeingültigkeit von Sätzen festzustellen versucht. Bei dem Entscheidungsproblem handelt es sich um das Problem, zu einer gegebenen deduktiven Theorie ein allgemeines Verfahren anzugeben, das die Entscheidung darüber gestattet, ob ein vorgegebener, in den Begriffen der Theorie formulierter Satz, innerhalb der Theorie bewiesen werden kann oder nicht.

Was dann wie folgt gedeutet wird: 

 

Dass die Mathematik nicht nur unvollständig ist, sondern dass es auch im Allgemeinen keine Möglichkeit gibt, zu sagen, ob eine bestimmte Aussage beweisbar ist. 

 

Dazu bewies er, dass das sogenannte Halteproblem für Turingmaschinen nicht lösbar ist, was bedeutet: Dass es nicht möglich ist, algorithmisch zu entscheiden, ob eine Turingmaschine unter bestimmten Prämissen jemals zum Stillstand kommen wird oder nicht.

 

Die Turingmaschinen konfrontieren uns mit dem Problem Unendlichkeit, bzw. infinitem Regress. Turing hat übrigens Wittgensteins Cambridger Vorlesungen besucht – obwohl die beiden oft heftige Dispute miteinander führten, sind viele Gedanken des Österreichers in Turings Arbeit eingeflossen. Wittgenstein selbst hat sich mit dem Problem der Unendlichkeit und des Regresses befasst, wobei er sich weniger auf die mathematischen denn auf philosophischen Aspekte konzentrierte – welche allerdings einen ähnlich fesselnden, ja denksüchtig machenden Charakter hatten, oft ein kreiselndes und kreisendes Denken bewirkten, wie Wittgenstein konstatierte, ja man kann sagen: Der Philosoph Wittgenstein(s) neigt zum Zwangsgrübeln, zum Grübelzwang.

 

Wittgenstein staunte, dass sich sein logisches Denken an bestimmten Fragen festhaken bzw. aufhängen konnte – jene Zyklen, die man heute Endlosschleifen nennen würde, oder Hyperzyklen, die autokatalytisch wirken können und so in unendliche Kreisprozesse münden. Wittgensteins Lösungsansatz wirkt tendenziell intuitiv, er hielt es offenbar für zweckmäßig, derlei Fragen abzukürzen bzw. an der richtigen Stelle das Grübeln abzubrechen. Vergleichbar einem fernöstlichen Zen-Meister integrierte Wittgenstein folglich die Unerklärbarkeitsstelle in sein Denken – er küsste den Feind, bevor dieser ihn tötete.

 

Oder? 

War das eine Kapitulation? 

Oder die ideale Lösung? Wittgenstein hat es in seinem Tractatus logico-philosophicus wie folgt auf den Punkt gebracht:

 

"Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit." 

 

Ein eleganter Satz, der eine Brücke zwischen orientalischem und okzidentalem Denken schlägt, zwischen Koan und Rationalismus (– und meine eigenen philosophischen Mühlräder mit reichlich Wasser versorgt).

 

Man kann diese Unmöglichkeit der finalen Erkenntnis allerdings auch auf eine weitere Weise illustrieren, und auch hierzu braucht man keine mathematischen oder informatischen Beweisketten, man kann sich einer recht augenfälligen, aber auch todhübschen Tautologie bedienen: Innerhalb des Universums wird es keinem der Insassen möglich sein, genügend Daten zu erheben bzw. Informationen zu sammeln, um die Lösung auf die Fragen aller Fragen zu führen; auch Sie werden es aller Voraussicht nach nicht schaffen! Man benötigte schon ein zweites Universum als Rechner-Universum, das dieses Universum abspeichert, und ein drittes Universum müsste dann untersuchen mittels aufwändiger Berechnungen, wie dieses erste Universum en detail beschaffen ist.

Da sich die Menschen innerhalb des Universums befinden, werden sie keine schlüssigen Ergebnisse vorlegen können. Sie können im Mikrokosmos lediglich Analysen durchführen, die dann in Gesetzmäßigkeiten eingefasst werden können, doch diese Analysen werden letztendlich immer nur Stichproben bleiben. Die Welt besteht aus Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen, nicht aus Gesetzen. Die Erkenntnis bleibt immer Annahme einer Erkenntnis.

Die Tatsache, dass Mensch sozusagen in dieses Universum eingeschlossen ist, verwehrt ihm die letzte Erkenntnis und zwingt ihm das Ich weiß, dass ich nichts weiß des Sokrates auf.

 

(Oder aber, sofern ihm dies nicht sympathisch ist, bleibt ihm noch als Alternative: Die Flucht in die Anmaßung, den Größenwahn der Behauptung, selbst zu wissen, wie die Welt strukturiert ist, ein egozentrisches Weltbild also zu pflegen, in der derjenige ein gleichsam gottähnliches Wissen sich selbst unterstellt; und dann an selbigen Tag für Tag zu hadern hat, weil es der Qualität der echten Logik nicht entspricht) 

 

 

Wenn nun also Moral nur ein Phänomen ist wie z. B. eine Mode, und wenn Erkenntnis nicht möglich ist, an welchen Kriterien sollte dann der menschliche Geist sein Verhalten ausrichten? Was ist in einer Welt, in der nichts Definitives über den Sinn gesagt werden kann, noch sinnvoll? 

 

Will man strikt denken, bleibt eigentlich nur diese These übrig: Das Einzige, was man in dieser schrulligen Welt definieren kann, ist das Jetzt, und das via Beobachtung von selbiger und selbigem.

Es ist unmöglich, über die Welt eine definitiv korrekte Aussage zu treffen. Und in diesem Moment – mit der Erkenntnis, dass die Erkenntnis auch auf Dauer verwehrt bleiben wird, solange man innerhalb dieses Universums eingeschlossen ist – erreicht man einen Denk-Ort, der nur noch abstrakt zu verstehen ist: Einen sinnfreien oder gar sinnlosen Ort. An dem aber, und das mag paradox klingen, auch etwas Magisches wie Frieden vorherrschen kann.

 

(Der Frieden einer totalen Kapitulation gewissermaßen) 

 

Es mag verschiedene Formen von Irrsinn geben: Diejenigen, die verzweifeln, weil sie die Welt partout nicht innerhalb ihres Schädels sortiert bekommen bzw. ihre Rolle darin nicht zur eigenen Zufriedenheit erfüllen können. Und die, die erkannt haben, dass es unmöglich ist, überhaupt eine Rolle gut bzw. sinnvoll darin auszufüllen, weil es, erneut strikt gedacht, kein Gut oder Richtig gibt und auch keinen Sinn. Dass dann eigentlich alles egal ist und – in diesem Egalsein – der Frieden zu finden ist, der sich, wie etwa bei den Buddhisten, in einem überaus entspannten, wiewohl auch weltfernen Lächeln äußern kann.

Einen Irrsinn, den nur die wenigsten als Irrsinn erkennen werden, sofern dieser Irrsinnige sich nach wie vor an die Codes der Gesellschaft hält, sich immer bemüht zeigt, diesbezüglich uptodate zu bleiben, egal wie sinnfrei ihm diese immerneuen Spielregeln erscheinen. Er ist clever genug, ein normales Verhalten zu simulieren, um nicht in Konflikte zu geraten mit denjenigen, die wie verzweifelt auf ihrem Sinn beharren oder ihrer heiligen Sinnsuche, die an ihrer überlebenswichtigen Moral festhalten oder sie gar anderen predigen. Er ist tolerant. Und er kann deswegen tolerant sein, weil es so oder so immer richtig ist und zugleich auch falsch – weil schon die Fragestellung nach richtig oder falsch ein Irrtum ist, ein unbrauchbarer Ansatz.

 

Eine Haltung, die mancher mit Heuchelei gleichsetzen wird – was den Buddhisten auf dieser Stufe des Denkens aber wenig irritieren wird: Er weiß, dass diese Heuchelei Teil des Spiels sein muss. Wenn man also keine Wahl hat, ob man heuchelt oder nicht, ist Heuchelei nichts Schlechtes mehr. Genauso, wie bei der Moral der Satz galt: Moral ist – gilt hier:

Heuchelei ist. 

 

An dieser Stelle könnte man neuerlich Dostojewski zitieren: Aber wenn Gott tot ist – dann ist doch alles erlaubt? Und wenn es keine definitive Erkenntnis geben kann, sondern nur Hypothesen, dann ist doch eigentlich alles egal?

Es ist egal nur in dem Maß, dass Sie noch immer im Sinne der Gruppenmoral verantwortlich gemacht werden für das, was sie tun oder unterlassen – und man Sie bei einem diesbezüglichen Regelverstoß ertappt, wandern Sie ins Gefängnis oder müssen eine saftige Geldstrafe berappen. Niemand wird Ihnen vor Gericht abnehmen, wenn Sie dort erklären: Aus philosophischem Blickwinkel betrachtet ist es ein Unding, dass Sie hier über mich zu Gericht sitzen ... 

Im Sinne des Universums hingegen können Sie kein Verbrechen begehen, geschweigedenn Schuld auf sich laden. Sie können nur eventuell ein eigenes Leiden provozieren durch ein unkluges Verhalten, und das Mitleiden ihrer Freunde und Angehörigen. Aber, und jetzt wird es schwierig: ein Psychopath, der sogar wünscht, in einer Anstalt einzusitzen, kommt doppelt auf seine Kosten: Durch seinen Regelverstoß, der ihm Spaß macht, und die Bestrafung, die ihm gefällt. Zugegeben, dieses Bild mag absurd erscheinen, aber es läuft auf folgende Aussage hinaus:

Ihr Verhalten werden die meisten Menschen stets davon abhängig machen, ob es ihnen persönlich sinnvoll oder unsinnig erscheint. Sie bleiben stets subjektiv und suchen den eigenen Vorteil. Und wenn sie politische Beschlüsse für ein weitreichendes Konzept gegen eine etwaige Klimaerwärmung fordern und sich selbst Verhaltensänderungen abverlangen, die ihnen unangenehm sind, sie sich also freiwillig zu kasteien bereit sind – dann tun sie das noch immer, weil es ihnen als sinnvoll erscheint. Sinnvoll der Zukunft wegen, oder sinnvoll ihrer Kinder wegen. Genausogut kann aber ein schwerkranker Mensch für derlei Argumente völlig unempfänglich sein; insbesondere, wenn er z. B. ein kinderloser Atheist ist. Sein einziger Sinn mag noch darin bestehen, dem Restchen Leben, das in ihm glüht, das Beste abzugewinnen. Dafür lebt er, dafür nimmt er sein tägliches Leid auf sich.

 

Kurzum: Individuen suchen und definieren ihren subjektiven Sinn, ihre Motivation ist dabei der Egoismus, sie können nicht anders. Und sogar der Selbstmörder erfüllt dieses Schema: Er hält es für klüger, aus dem Leben zu scheiden, weil das Weiterleben ihm schmerzvoller erscheint als das Totsein. Weshalb er etwas gewinnt aus seiner Tat: weniger Schmerzen, weniger Leid.  

(Im Falle eines Schmerzkranken mit Aussicht auf einen besonders qualvollen Tod ist dieses Argument besonders gut nachzuvollziehen.) 

Und selbst der sich heroisch opfernde Märtyrer passt in dieses Schema: Indem er sich selbst hingibt, erfüllt er sich einen großen Wunsch: den nach Erlösung bzw. Vollendung seiner Seele im Martyrium. In seinem Tod ist der Märtyrer glücklich, sein Sterben belohnt ihn – und sein Nachruhm sowie der Effekt seines heroischen Todes sind ihm Wert genug, dieses große Opfer zu bringen. Denn: würde er es nicht tun, würde er sich sein Leben lang vorhalten, diese Gelegenheit nicht wahrgenommen zu haben. Er würde bestraft werden vom eigenen inneren Richter für seine Feigheit.

 

Also stellt sich jeder in jedem Augenblick seines Lebens (intuitiv) immer die folgende Frage: Ist das, was ich im nächsten Moment tun möchte, sinnvoll oder nicht?

Ist es mit Schmerz verbunden, den ich besser vermeiden sollte? 

 

Aber selbst der Schmerz ist schwer zu definieren. Mancher Schmerz ist dem Masochisten willkommen, er sucht ihn geradezu – ist es dann noch ein Schmerz oder doch schon Lust? Oder der Sportler: Er braucht diesen physischen Schmerz, um bei sich anzukommen. Er braucht diesen Beweis, dass er sich selbst überwinden kann bzw. die körperlichen Grenzen erneut ein winziges Stück hinauszuschieben in der Lage ist, das ist sein Triumph. Diese willkommenen Schmerzen sind somit nichts negatives, sondern Teil dieses Triumphs über die eigene Sterblichkeit.

 

 

Doch bevor ich mich hier in den gefälligen Labyrinthen der Modediskurse zu verirren drohe, möchte ich ganz wittgensteinisch diesen Gedanken stoppen und Ihnen vorschlagen, an dieser Stelle einmal ganz dezidiert die Arbeitsweise des Geists zu untersuchen. 

Wie funktioniert der Geist? 

Ich gab schon diese plakative (wie womöglich banale) These zum Besten: Er folgt streng den Prämissen des Augenblicks. Geist findet immer im Hierundjetzt statt – also definiert er sich auch aus diesem Moment. Ist dieser Moment gänzlich aus der üblichen Wirklichkeit genommen, also passiert etwas Einzigartiges oder Völligneues, zu dem keinerlei Vergleichsmöglichkeiten bestehen, kann selbst der Rationalste unter den Rationalen auf eigentlich irrationale Erklärungen oder Deutungen zurückgreifen.

Als Beispiel: Die sich verzögernde erste Geburt einer Kinderpsychologin. Von Berufs wegen ist sie gewohnt, stets in streng logischen rationalen Strukturen zu denken, doch mit jedem weiteren Tag über dem Geburtstermin hinaus beginnt die Angst in ihrem Gehirn neue Denkstrukturen zu erzeugen. Nach zwei Wochen des Hoffens und Bangens ist sie in ihrem erschöpften Denken bei Mondphasen und anderen esoterischen Strukturen angelangt und sucht dort Halt und Erklärung für das, was sie sich nicht anders erklären kann: die nicht einsetzen wollende Geburt. Und berichtet danach, dass ihr Hirn in solchen Momenten wohl anders funktioniert als üblich; erschreckend anders, möchte man da noch hinzufügen, wenn eine strenge Logikerin ihre Logik gänzlich über Bord wirft bzw. durch eine andere Logik ersetzt. Die Angst und Erschöpfung treibt das Gehirn offenbar in die offenen Arme der Esoterik; oder anders: Die Angst verkürzt das Denken, pointiert es, spitzt es noch stärker auf den Augenblick zu.

Mag der Geist noch so geschult sein, es verwundert schon, wenn ein Intellektueller wie Voltaire auf dem Sterbebett dem Priester auf dessen Aufforderung hin, seinen Lastern abzuschwören, die folgende Antwort gegeben haben soll: Ich glaube, dies ist kein guter Augenblick, sich Feinde zu machen. Worin eine gewisse Ironie nicht zu verkennen ist, andererseits hat er seinem philosophischen Lebenswerk auch hohngesprochen. Der bekennende Gottlose ist offenbar furchtsam geworden.

Ich denke auch an Rimbaud, den Gotteslästerer, der auf dem Totenbett gleichfalls religiös wurde. Oder an Kafka, der sein ganzes Werk verbrannt wissen wollte, das ihm Jahre zuvor gewiss das wertvollste schien, was er hervorbringen konnte. Oder, dass Sterbende ihre Kinder enterben wollen, nur weil sie in diesen letzten Lebenstagen von diesen enttäuscht wurden durch eine zu geringe Zuwendung: Kurzum, die Relationen können sich offenbar blitzschnell verschieben; oder nehmen Sie dieses Beispiel: Hat eine Gruppe von Menschen keinen anderen Nahrungsquell als das eigene Fleisch, wird sie immer über die ersten Sterbenden herfallen und diesen zerfleischen, derlei ist immer wieder geschehen, mitunter mit merkwürdigen Begründungen (die in den chilenischen Anden abgestürzten Flugzeuginsassen erklärten, sie hätten beim Verzehr des Fleischs ihrer gestorbenen Mitpassagiere das Gefühl gehabt, etwas ungeheuerlich Wertvolles in sich aufzunehmen, etwas wie Gold ... wohl auch, weil das Fleisch der Toten beim Verzehr gefroren war).

 

Konkret: Angst verkürzt das Denken. 

 

Noch einmal: Geist ist momentan, nutzt aber die Erfahrungen aus der Vergangenheit, bezieht die Muster der bereits gemachten Erlebnisse in seine Prognosen für die Zukunft mit ein, kalkuliert, stellt in jeder Sekunde Wahrscheinlichkeitsrechnungen an, nach denen er dann seine Entscheidung trifft. Da in den meisten Fällen deutliche Präferenzen zu einer Seite hin sichtbar sind, meint er auch keine bewusste Entscheidung zu treffen. Eine selbige meint er nur zu treffen, wenn er in eine 50:50-Situation gerät und abwägen muss. Und solche Situationen sind selten; extrem selten.

 

Die Buddhisten lehren, dass der Geist immer ein anderer ist, dass alles sich im Fluss befindet und somit der Geist des Kindes, das wir einmal waren, nicht mehr existent ist – wir sind andere, gewissermaßen uns selbst Fremde und gehen, auf unserer Reise ins Übermorgen, in einen erneut fremden Menschen über. Das, was greifbar ist, ist nur der Augenblick. 

 

Geist heißt Augenblick, Geist heißt das-was-sich-ereignet-im-Kopf.

Geist, der notiert wird, beispielsweise in diesen Worten hier, wird zu Gedanken. Geist verwandelt sich in Gedanken. Die Vergangenheitsform des Geists ist ein enorm langes Stenogramm an Gedanken. 

Ist es noch Geist? 

Das hieße, wenn Sie Wittgenstein lesen oder Russell, dass deren Geist dann wieder aufleben würde. Wie kann er das? Kann Geist in einem Buch enthalten sein? So, wie er in einem Gehirn enthalten war? Ist Geist demnach potentiell unsterblich? 

Meine Antwort ist intuitiv: Sie lesen deren Gedanken. Wenn Geist manifest wird, wird er zum Gedanken. Wenn Sie einen Satz aussprechen und Herr B hört ihn, hört er den Gedanken, der in ihrem Geist entstanden ist – und schon der Vergangenheit angehört. Er hört nicht ihren Geist, sondern ihren Gedanken. 

 

 

Wie aber steht es nun um die markanteste Frage betreffend des Denkens: Kann man selbst seinen Geist lenken? Kann man über den Geist auch die Befindlichkeit lenken? Kann man durch gutes Denken auch ein besseres Leben führen? Oder ist das Gerede von positive thinking nichts als Augenwischerei?

 

Funktioniert der Geist als Steuermechanismus? Oder wird der Geist gesteuert? Welche Rolle spielt darin unser Ich? Tun Sie mir doch bitte den Gefallen und meditieren Sie einmal über dem folgenden Zitat einer Freundin: 

 

Denkst du, dass sie die Gedanken genommen haben, die wir gedacht haben und wollen, dass wir denken, dass die Gedanken, die wir gedacht haben, die Gedanken sind, die wir jetzt denken? 

Denkst du das? 

 

Lesen Sie ihn noch einmal, bitte. 

Lesen Sie ihn bitte so oft, bis Sie satt sind, darüber nachzudenken, bis Sie glauben, das Maximale aus diesem Satz für sich herausgeholt zu haben. 

 

Auch Sie werden sich vermutlich fragen: Wer sind SIE? Ich kann Ihnen diese Frage leider nicht zufriedenstellend beantworten, weil ich diesen Satz nicht selbst geschrieben habe. Ich kann nur sagen, dass in diesem Satz einiges paranoides Potential steckt – aber auch ein feiner Schlüssel zur Mechanik des Geists, und das macht diesen Satz so brillant, so wertvoll.

Kann man Gedanken wiederdenken? Kann man sie wiederholen? Ich habe am 12. Oktober 2007 ein Schreibexperiment unternommen, bei dem ich 10:18h an einem Text schrieb – eine automatische Schrift, bei der ich jeden verbal gefassten Gedanken sofort notierte: Der Geist ist aus Glas. Oder aus Licht.

Einen Monat später habe ich die 60 Seiten dieses Manuskripts wiedergelesen. Ich habe meine eigenen Gedanken noch einmal diesem eigentlich gleichen Geist eingespeist – und selbstverständlich war es anders, selbstverständlich war ich den Worten, wiewohl oft sehr vertraut, in bestimmten Passagen auch schon wieder fremd geworden, begann zu rätseln, was damit eigentlich gemeint war. Und zweifelte schon daran, dass ich das geschrieben hatte (mitunter sogar an gelungenen Passagen, die zu gut waren, als dass ich sie geschrieben haben konnte).

Wenn Sie sich einmal überlegen: Wie groß ist der Anteil an Déjà vus in ihrem Leben? Bei mir ist er geringer als ein Prozent – Geist sucht nach Ähnlichkeiten, agiert immer vergleichend, aber identische Denkinhalte sind in der Tat selten.

Als ich das Manuskript am Stück in drei Stunden wiederlas (also in etwa der dreifachen Schreib-Geschwindigkeit), befand ich mich wie in einer Wiederholungsschleife, der Text war ein Sog, ich konnte nicht mehr aufhören, darin zu lesen – und war trotz alledem doch immer wieder fremd. Es war nicht mein Denken, ja vielleicht war es auch damals nicht mein Denken allein gewesen, das zu diesem Text geführt hatte.

 

Dieses Schreibexperiment, bei dem ich meinen Geist gewissermaßen verschriftlichte, schenkte mir auch schon während der Niederschrift einige sehr spannende Erkenntnisse über die Funktionsweise des selbigen.

Wenn man sich konzentriert, kann man die verschiedenen Stimmen im Geist auf eine Stimme reduzieren. Man kann in grammatikalisch korrekter Form Sätze denken und sogleich niederschreiben. Aber während man schreibt, bilden sich auf Unterebenen des Geistes sub-Gedanken, oft mehrere gleichzeitig, von denen es nur einer schafft, wirklich Sprache bzw. sprachliche Realität und damit dann auch Text zu werden.  

Das Gehirn arbeitet somit in mehreren Modi zugleich. Es gibt vorsprachliche Sektoren, in dem sich Emotionen, Wahrnehmungen etc. abzeichnen, sie laufen parallel nebeneinander. Es gibt subsprachliche Gedankenblitze, Intuitionen – und es gibt, wenn der Geist konzentriert ist, eine rein sprachliche Denkschrift, ein quasi ausformulierter Gehirntext – der sich aber schnell von subsprachlichen Gedankenblitzen in neue Richtungen lenken lässt.

 

 

An dieser Stelle gehe ich eine Stufe hinab in der Analyse der Denkprozesse und frage nun: Was ist ein Gedanke? 

Etwas rein Sprachliches? Was ist mit einer Katze, die einen Juckreiz im Fell verspürt und sich dann  kratzt: hat sie dabei einen Gedanken? Denkt sie: Oh, das juckt aber mal wieder?! Und beim Kratzen: Oh, das tut guuut!?

Was ist, wenn wir einen Juckreiz spüren? Wir kratzen uns. Wir kratzen uns meist automatisch, weil wir gerade mit anderen Gedanken oder Aufgaben beschäftigt sind. Erst, wenn wir merken, dass etwas anders ist als sonst, also beispielsweise der Juckreiz nicht weggeht, schafft es jetzt dieses Erlebnis in die Welt der Sprache, der Gedanken: Huch? Was ist denn da los? Warum hört der Juckreiz nicht auf?

Wir können also etwas tun, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Wir funktionieren, sind programmiert. Nur, wenn etwas außer der Regel geschieht, wird das Erlebnis versprachlicht und dadurch in den Fokus gerückt. Vielleicht, weil dieses Erlebnis Einfluss auf unsere Zukunft haben wird, positiven oder negativen – wir meinen, hier etwas lernen zu müssen und konzentrieren uns darauf. 

 

Um das Denken genauer zu analysieren, mag es hilfreich sein, eine konkrete Denkaufgabe an den Geist zu stellen. Nehmen wir ein Schachspiel. Ich kann hier nur von mir und meinen eigenen Eindrücken sprechen, aber bei mir funktioniert das Denken beim Schachspielen wie folgt: 

 

Mein Gegner macht einen Zug. 

Mein Auge folgt dem Weg der Figur, also: Es sucht den Unterschied, das Neue, die Veränderung. Es versucht sich auf das neue Jetzt einzustellen. Jetzt kann ein Erstaunen sich durchaus auch verbal oder präverbal in meinem Gehirn ausdrücken: Oh, er will dieses Feld bedrohen ... oder: Ah, das öffnet mir den Raum auf den anderen Flügel ...

Im gleichen Moment bilden sich in mir Emotionen, Freude oder Furcht, je nach dem Zug meines Gegners. Ich präzisiere: spontane Freude und spontane Furcht, denn nach einigem Überlegen können meine Gefühle sich rasch wieder ändern. 

Während ich nun Alternativen durchspiele als Antwortzug, denke ich so gut wie ausschließlich in Worten. Wenn ich nach c4 ziehe, dann ...  

Theoretisch wäre es möglich, auch ohne Worte das Schachbrett anzusehen und – gewissermaßen intuitiv – zu ziehen. Blitzschach funktioniert bei den meisten nach diesem Prinzip, man denkt wenig nach, handelt intuitiv. Wobei man doch immer nach den Regeln handeln muss bzw. den abgespeicherten Routine-Mustern und somit die Intuitivität nicht absolut ist, sie erfolgt innerhalb eines Rahmens oder Kodexes, der allerdings längst ins Denkschema fest eingeprägt ist.

 

Blitzschach führt zu oft grotesken Fehlern. Es passiert nur selten, dass längere Bedenkzeit beim Schachspiel von Nachteil ist. Gut Schachspielen heißt, die relevanten=attraktiven Züge so schnell und so tief wie möglich vorauszuberechnen.  

Ein Grund, warum Computer inzwischen besser Schach spielen können als Menschen: Die psychologische Dimension spielt auf der Seite der Maschine keine große Rolle beim Schachspiel: Es geht primär um kaltes Kalkül; und die Fähigkeit, sich lange Zeit über konzentrieren zu können (unter menschlichen Kontrahenten tatsächlich ein wichtiges Kriterium; gegen die Maschine ist der Mensch in Sachen Konzentration zwangsläufig unterlegen). 

Die Tatsache, dass Schachprogramme heute erfolgreicher Schachspielen als Menschen, bedeutet wohl, dass ihr Geist besser funktioniert als der menschliche Geist. Inwieweit die Sprachlichkeit des Gehirns beim Überdenken der Züge ein Hindernis ist, eine Geschwindigkeitsbremse beim Durchrechnen der relevanten Züge, wäre weitere Analysen wert. 

 

Es kann auch an der Abfolge des Analysierens des Schachspiels liegen. Ein Programm ist nicht ablenkbar, arbeitet sein Schema ab, absolviert seine immergleichen Routinen. Ein Mensch hingegen kann sich nicht immer gleichgut konzentrieren. Also: andere, belanglose Fragen ausschalten (insbesondere Fragen zu der „Umgebung“, dem Raum, in dem die Spielenden sich aufhalten sowie ihrer eigenen physischen Konstitution im Augenblick. Aber natürlich auch geistinterne Ablenkungen). 

Außerdem wird er sich immer wieder von Intuitionen treiben lassen. Wird sich an einer Stelle festbeißen, die vielleicht etwas mit seiner Vergangenheit bzw. seinen Erfahrungen zu tun hat. Er erinnert sich beispielsweise an eine ähnliche Spielpassage, die er verpatzt hat – und jetzt meint er, genau analysieren zu müssen, um nicht neuerlich einen Bock zu schießen. Er wird unruhig, aber vielleicht zu Unrecht?  

Möglich, dass er seine Denkstrukturen von Zug zu Zug variiert – dem Brett anpasst, wie er es gerade für sinnig hält. Wird an einer Stelle, wo ihm nichts einfällt, nach der zündenden Idee forschen, Zeit vergeuden, anstelle einen belanglosen Zug zu machen. Einen genialen Zug in einer festgefahrenen Partie zu finden bzw. eine geniale Zugfolge/Kombination, ist schwierig, weil der Gegner gleichsam viele Möglichkeiten hat. Und dennoch mag sich das Gehirn eines Menschen justament hier festbeißen und nach der zündenden Idee suchen, als sei dies eine der entscheidensten Stellen des Spiels – ist aber in Wahrheit nur eine der Belanglosesten. 

 

Und hier tangieren wir einen weiteren spannenden Punkt, den wir mit dem Geist an sich gerne in eins setzen: Die Entstehung einer Idee. Wiewohl diese oft wie aus dem Nichts kommt, diese Idee werten wir gerne als unsere Idee, klopfen uns auf die Schulter, fühlen uns genial. Das Paradoxe daran ist aber: Man kann sie nicht willkürlich erzeugen und müsste uns dadurch eigentlich eher fremd sein, weil sie in uns sich ereignet, fast wie ein kleines Wunder.

Ein Anfänger im Schach kann das Schachbrett absuchen und jede Figur betrachten im Kontext zu den anderen Figuren. Kann das gesamte Feld abtasten wie ein Scanner, aber eine Idee hat er dadurch noch nicht gewonnen. 

Wenn man beim Schach in der Analyse der Situation eine Strategie verwendet, dann wird man ein Schema verwenden: Man sucht Muster. Bereits bei der Draufsicht auf ein fremdes Brett sieht man recht schnell die Struktur, entdeckt Stellungsfehler und Problemzonen. Es ist gewissermaßen ein Blick „neben“ die Figuren. Man sucht starke Felder und schwache Felder, baut sich eine Art Raster auf, in dem auch leere Felder plötzlich Wertigkeiten besitzen. Mit Hilfe dieser Strategie kann man die zwei bis drei Figuren finden, die sich lohnen, bewegt zu werden, und deren Bewegungspotential kann man dann eingehend analysieren.

Als Idee ist aber auch das nicht zu bezeichnen. Die Idee ist anders. Plötzlich sieht man eine Lücke im Stellungsspiel des Gegners und denkt sich: Wenn ich auf f4 ziehe, dann ... der besonnene Schachspieler prüft genau, ob die Idee tatsächlich realisierungswert ist; ob sie hundert Prozent sicher ist.

(Man kann allerdings auch versuchen, eine nicht perfekte Idee umzusetzen – mit Hilfe von Mitteln wie Bluff, Antäuschen. Im Schachspiel zwischen zwei Menschen kann das durchaus Aussicht auf Erfolg haben) 

 

Was aber ist das: Dieses plötzlich-etwas-sehen? Obwohl es zuvor auch schon da war? Das Schachbrett selbst hat sich nicht verändert, wohl aber unsere Art, es zu betrachten, die Spielsituation zu lesen.

In dem Moment der Idee fühlt man sich wie erleuchtet. Es mag hierin auch ein Hauch vom Glück spürbar werden. Oder gar, wenn die Idee spielentscheidend ist: Ein Triumph.

 

An sich ist die Idee aber nichts weiter als das Erkennen einer bestimmten Möglichkeit (unter vielen). Wenn man nur lange genug eine Frage überdenkt und alle Eventualitäten durchdiskutiert, wird man zwangsläufig auf diese Idee stoßen. Vielleicht ist dieser bezaubernde Funke einer Idee sogar das Resultat eines langen Blockiertseins bzw. Blindseins für eine an sich offensichtlicher Lösung. Wenn man dann auf sie stößt, ist man erleichtert und auch fasziniert von ihrer Einfachheit und ihrer Macht: Offenbar genießt der Geist in Gestalt einer ingeniös erscheinenden Idee seine Augenblicklichkeit besonders, badet dann besonders ausschweifend in den heißen Quellen des Sekundenglücks. 

Das Vergnügen hieran ist: Die Idee lässt sich nicht zeitlich terminieren. Sie ist=kommt spontan.

 

Menschen, die viele Ideen haben, müssen eine Neigung haben zu der Spontaneität innerhalb ihrer geistigen Prozesse. 

 

 

Noch interessanter als die Idee ist die Entwicklung einer Strategie während des Spiels. Sie inkludiert zumeist auch die Einschätzung des Spielverhaltens des Gegners.  

Es gibt verschiedene Methoden, den Gegner einzuschätzen, ich werde hier aber nur die beiden konträrsten gegeneinanderstellen können: 

  1. Der Gegner wird als ideal angenommen, also als ein perfekter Spieler. Man spielt dann gegen jeden genauso. Gewissermaßen erfüllt er die ideale Funktion des Spiegel-Gegners.  

  2. Oder aber: Er ist ein charaktervoller Spieler, den man, wenn man den Charakter erkennt, auch zu täuschen versuchen kann. Wenn man häufiger gegen ihn gespielt hat, kennt man seine Tricks. 

 

Die Strategien en detail zu analyisieren würde den Rahmen dieses Essais allerdings sprengen.

 

 

Das Schachspiel eröffnet überdies Fragen zum menschlichen Geist an sich. Die heikelste ist diese: Warum ist der Computer heute der bessere Schachspieler? Weil ihn dutzende Großmeister ihn trainiert haben? Die als Team gewiss besser sein müssen als der Weltmeister? 

Man könnte viele Argumente aufzählen, aber was unter dem Strich bleibt: Die Maschine beherrscht dieses Spiel inzwischen besser. Sie beweist in dieser Disziplin einen größeren Geist als der Mensch. Bzw. kann besser mit Algorithmen jonglieren. 

Woraus man schließen kann: Es gibt eine optimale Schachspielstrategie, der menschliches Denken zu einem gewissen Perfektionsgrad nahekommt, je nach Training und Denkvermögen des Schachspielers. Die Maschine allerdings kommt inzwischen diesem Ideal näher. 

(wenn man das Schachspiel tatsächlich als eine rein mathematisch-logische Aufgabe betrachtet, bei dem es eine ideale Lösung gibt, dann gibt es immer einen optimalen Zug. Zwei optimale Schachspieler müssten an sich immer unendschieden spielen: weil sie immer die gleiche Partie spielen würden! – es sei denn, der Zugvorteil von Weiß bei der Eröffnung ist ausschlaggebend, dass Weiß dann immer gewinnen würde) 

 

Die Konsequenz daraus: Der Mensch ist entweder nicht mehr ingeniös genug, d.h., die Maschine ist heute genialer als er selbst. Nur dass dergleichen der Mensch nicht gerne zugeben mag. 

Er kann auch folgende Ausrede versuchen, um den gekränkten Stolz abzumildern: Es gibt nichts Ingeniöses am Schachspiel. Es ist lediglich eine komplexe Rechenaufgabe. Genauso, wie es den Menschen nicht aufregt, wenn eine Maschine oder ein Autist die xte Wurzel aus einer 50stelligen Zahl ziehen kann – weil das ja nur pures und somit uningeniöses Rechnen ist – so müsste es ihn nicht stören, wenn eine Maschine besser Schach berechnen kann. 

 

Was nun? Ist Schach eine Rechenaufgabe? 

Oder sind Schachmaschinen heute schon ingeniös zu nennen?  

Suchen Sie sich eine Antwort aus ... 

 

 

Bevor ich mich in dieser Richtung im Dschungel der Schachwissenschaften verlaufe, kehre ich wieder zurück zu den offengebliebenen Fragen, deren reizvoller wie gewaltiger Schönheit ich mich partout nicht entziehen kann: Wer formt die Gedankenimpulse zu Worten? Sind das wir selbst? Oder läuft es in Schaltkreisen ab, die wir nicht kontrollieren können? Ist das Ich, mit dem wir unsere Gedanken ja gerne gleichsetzen, tatsächlich autonom und aktiv, oder ist es gesteuert und passiv, eine Art Durchfluss mit einer Zufallskontur im jeweiligen Augenblick?

Oder als Metafrage: Bin es ich, der diese Fragen hier stellt, oder ist etwas in mir begierig, diese Fragen hier niederzuschreiben, zu diskutieren?

 

(immer wieder erwähnenswert ist diesbezüglich die Nietzsche´sche Pointe: Dass es weniger Ich denke heißen müsste als Denken icht. Womit er den Konflikt der Aufklärung und ihres rationalistischen Denkens bloßlegte. Wiewohl Descartes selbst etwa den Körper oder die Tiere als Maschine bezeichnete, oder Diderot, der dem Fatalismus das Wort redete und somit den gesamten Menschen, nicht nur dessen Körper, zum Mechanismus erklärte – selbstredend mit dem kritisch-ironischen Augenzwinkern eines findigen Romanschriftstellers)

 

Douglas R. Hofstadter hat, um die Rätsel des Ichs zu diskutieren, den Begriff des Sphexishness weiterverarbeitet, Bezug nehmend auf die thematische Vorarbeit von Daniel C. Dennett. In seinem Buch Gödel, Escher, Bach untersucht er die Frage, wie aus relativ trivialen Bestandteilen – etwa den Neuronen des menschlichen Gehirns – intelligente Systeme mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion entstehen können.

Er bezieht sich auf das Verhalten der Grabwespe Sphex: 

 

"Wenn die Zeit der Eiablage kommt, gräbt Sphex eine Höhle und sucht dann eine Grille, die sie mit ihrem Stich lähmt. Sie zieht die Grille in die Höhle, legt ihre Eier daneben, schließt die Höhle von außen und fliegt davon. Einige Zeit später schlüpfen die Wespenlarven, und ernähren sich von der gelähmten Grille, die ihre Mutter ihnen zurückgelassen hat. Dies alles erweckt den Eindruck, als handle die Sphex vernünftig und zielgerichtet. Doch folgendes Experiment lässt Zweifel daran aufkommen. Normalerweise geht die Sphex so vor: Nachdem sie die Grille gelähmt hat, bringt sie sie vor die Höhle, lässt sie dort liegen, kriecht in die Höhle und überprüft, ob alles in Ordnung ist, und zieht die Grille erst dann in die Höhle hinein. Wenn man nun, während die Sphex in der Höhle ist, die Grille nimmt und einige Zentimeter entfernt hinlegt, wiederholt sich das Spiel: Die Sphex bringt die Grille vor die Höhle, lässt sie dort liegen, kriecht in die Höhle, und so weiter. Dies kann man beliebig oft wiederholen: das Verhalten der Sphex bleibt immer dasselbe." (Dennett 1984, 11) 

 

Ein faszinierendes Programm, das die Grabwespe da abspult: vermenschlichend gesagt, muss sich in ihr ein Satz bzw. eine Handlungsanweisung formulieren: Ich muss jetzt dies und das tun, und zwar so und nicht anders. Und das, ohne es jemals wo gesehen zu haben.

Instinkthandlungen dieser Art erscheinen magisch. Und an dieser Stelle liegt die nächste Frage auf der Hand. Was mag dem Menschen an ähnlichen Routinen einprogrammiert sein? Erwartet man doch immer, dass der eigene Wille die zentrale Rolle spielt – ist es möglich, dass es auch Aufträge gibt, die wir nicht ahnen? Situationen, in denen wir uns genau so verhalten müssen, unseren Genen wegen? 

 

Vielleicht merkt die Grabwespe sogar, dass sie hier eine Tätigkeit ausführt, die in doppelter Hinsicht jeder Logik entbehrt – aber sie vertraut so stark auf das Ritual, dass man ihr Verhalten so deuten möchte: sie ist überzeugt, eine andere Handlungsabfolge würde ihr das gewünschte Ziel verunmöglichen. Und, aufs Menschliche übertragen: Was für eigenartige Rituale haben sich Menschen schon ausgedacht? Welche Götter haben sie schon angebetet, ohne deren Segen sie meinten, nicht überleben zu können? Aus was haben die weisen Priesterinnen und Priester der Griechen und Römer beispielsweise die Zukunft zu lesen versucht? Aus Wolken, aus Knochen, aus Tierverhalten oder gar aus deren Innereien (Hepatomatik). Könige haben vor Schlachten auf derlei Orakel gehört, die Geschichte der Menschheit wäre anders verlaufen, wenn allzeit und überall die pure Ratio vorgeherrscht hätte. 

 

Hofstadter definiert Sphexishness als mangelnde Fähigkeit, aus Schleifen auszubrechen, sobald das darin manifestierte Verhalten kontraproduktiv ist. Mit anderen Worten: Wenn wir eine Disposition haben, in Situationen eines bestimmten Typs ein Verhalten zu zeigen, das unseren Anliegen zuwiderläuft (Zwangshandlungen etwa), dann ist es in unserem Interesse, diese Disposition loszuwerden.  

 

Man kann den Grabwespen also folgendes intellektuelle Defizit unterstellen: Denn sie wissen nicht, was sie tun ...

Und das in doppelter Hinsicht. Es ist nicht logisch, dass die Grabwespe ihre Beute vor der Höhle liegen lässt – jemand könnte sie ihr indessen rauben. Wieso in aller Welt also macht sie das? 

Denkbar wäre natürlich noch ein höherer Sinn, den in diesem Fall der Betrachter Mensch (noch) nicht versteht. Anderenfalls ist es eine fehlerhafte und geradezu okkulte Struktur, die sich etabliert hat. Und die den Verdacht nahelegt, dass Darwins These von der Evolution der bestangepassten Lebewesen nur teilweise stimmig ist. Die Evolution erlaubt auch enorme Kapriolen und Schrulligkeiten, das Tier- und Pflanzenreich ist voll davon. 

 

 

Im Falle der Grabwespe handelt es sich offenbar um ein in den Genen verankertes Programm. Aber denkende Wesen wie die Menschen können auch selbst Programme in ihrem Gehirn installieren, bzw. Handlungsanweisungen. Hierfür wird die Antizipation genutzt, sowie die Fantasie: Man stellt sich vor, was für eine Situation sich ereignen könnte, und definiert im Voraus eine Reaktion. Also: Auf d4 im Schach folgt automatisch ein d5. 

Was das Bewältigen von vielen einfachen Situationen erleichtert. Die Programmierung dieses Alltags schafft Handlungssicherheit, zudem erhält der Handelnde auch Überzeugungskraft anderen (Beobachtern etwas) gegenüber. Der sich selbst Programmierende muss nicht mehr jeden Schritt überdenken. Er simuliert Routine, noch ohne sie haben zu können aufgrund von Mangel an vergleichbaren Situationen.

 

Eigentlich ist jede Situation neu. Und selbst wenn Sie eine Partie Schach spielen gegen den gleichen Gegnern mit den gleichen ersten zehn Eröffnungszügen, ist diese Partie Schach doch eine andere, nicht mit der ersten Partie vergleichbar. Weil Sie ein anderer geworden sind sowie ihr Gegner. Weil Sie beide die alte Partie im Sinn haben und sich verbessern wollen. Weil Sie beide in der Zwischenzeit neue Strategien gelernt haben oder alte Strategien vergessen bzw. verlernt haben.

Und: weil ihr Körper Ihnen eine andere Konzentration ermöglicht, weil ihr Körper ein anderer geworden ist – denn auch das dürfen Sie nicht unberücksichtigt lassen: Dass ihr Geist auf ihre körperliche Performance reagiert. Ein Migräneanfall während des Spiels genügt, um Ihnen jede Konzentration zu rauben.  

Nicht zu vergessen die Wahrnehmungen der Außenwelt: Ein anderer Ort vermittelt Ihnen ein verändertes Sinnesinput.

 

Ich fasse zusammen, welche Faktoren auf ihren Geist, ihre Konzentrationsfähigkeit einwirken können: 

Grob unterscheiden kann man erst einmal zwischen dem Wahrnehmungsinput und dem Körperinput, oder auch als Außen- und Innenwahrnehmungen definierbar. Aus beiden, wenn sie entsprechend reizverarbeitet werden vom sensorischen System, steigen dann in Form von Gedanken auf (bzw. die wichtigsten von ihnen).  

 

Im Geist fließen in jedem Moment, wie in einem Sammelbecken, vielerlei subGedanken zusammen, die aus verschiedenen Sparten kommen. Im folgenden benenne ich sie Geistiges, Körperliches, Sinnlich Wahrnehmbares und Emotionales:

 

 

Geistiges: 

z. B. Aktuelle Strategien, Denk- und Lebenskonzepte, Handlungsanweisungen, Routinen. 

 

Körperliches: 

z. B. Blutzusammensetzung, Hormonspiegel, Nervenimpulse aus dem Körperinneren, Schlaf-Wach-Rhythmus, Sympathicus-Parasympathicus 

 

Sinnlich Wahrnehmbares: 

Akustische, taktile, visuelle Reize, kurzum: sämtliche dechiffrierbare Codes aus Außenwahrnehmungen. 

 

Emotionales: 

Psychosomatischer Effekt, aber auch gekoppelt an den Hormonspiegel bzw. das Drüsensystem. 

 

 

Hinzu kommt noch die psychische Drift. Der Geist registriert ständig, wie die Stimmung im Organismus ist – nur nicht immer bewusst mit sich selbst zusprechenden Worten im Stil eines Selbstgesprächs: Du bist heute aber wieder gut drauf?!!

Der Geist fühlt sich gewissermaßen selbst den Puls der Laune, misst seine Emotionalität. Im Falle des Schachspiels: Wenn einige Züge erfolgreich waren, registriert der Geist die aufkommend Euphorie, die auch, hyperzyklisch im Sinne von Aggregat 3 betrachtet, aus dem Körper kommt: Vor allen Dingen durch die veränderte Atmung, die sich einstellt, sobald der Geist eine erfolgversprechende Situation erkennt, stellt er die Atmung um auf die entspannte Ruheatmung, ganz im Gegensatz zu der Atmung während extremer Konzentration: da vergisst der Hochkonzentrierte mitunter sogar Atemzüge. Wenn er unsicher wird, beginnt er eine unregelmäßige Atmung, zeigt Schnaufen und andere Sonderlichkeiten, die wiederum psychosomatisch wirken und somit auch in die Emotionalität des Augenblicks eingehen.

 

Man kann subsummieren: Der Geist ist die höchste Organisationsstufe in einer Konfiguration eines Wesens wie dem Wesen Mensch. Ob aber dieser Geist steuernd wirken kann oder nicht, lässt sich nicht beantworten. Aller Wunsch nach intellektueller Konzentration muss scheitern, wenn z. B. der Harndrang nur groß genug ist, oder man 48 Stunden nicht geschlafen hat ... oder ein physischer Schmerz wie etwa bei einem Hexenschuss, einem heftig pulsender Zahnschmerz. Niemand wird unter solchen Umständen eine mustergültige Partie Schach auf das Brett zaubern können.

 

 

Hier bricht eventuell ein Konflikt auf: Zum einen habe ich erklärt, es gäbe keinen erkennbaren Sinn im Leben, weil es unmöglich wäre, für einen Insassen des Universums die Gesetzmäßigkeiten des Universums en detail verstehen zu können.

Dennoch versucht der Geist in jedem Moment, diesem Sinn so nahe wie möglich zu kommen; vielleicht sogar das Rätsel zu enträtseln, das ihm das Leben aufgibt. Demnach wäre es so zu definieren: Der Geist sucht nach dem Sinn, ohne ihn je wirklich erreichen zu können. Er ist ein Sisyphos, der seinen Stein den Berg hinaufrollt – dem aber, wenn der Stein entgleitet, selbiger nie wieder an die gleiche Stelle zurückrollt ... der Geist kommt immer weiter, und seien es nur ein paar Zentimeter auf seinem Weg zum besseren Verstehen der Welt. 

 

Immer weiter? 

Ist es so, dass es auch ein optimales Verstehen der Welt gibt, wie es in jedem Schachspiel einen optimalen Zug gibt, eine optimale Schachpartie? Kann man diesem optimalen Weltaufschluss tatsächlich immer noch ein Stückchen näher kommen, oder lässt das Gehirn auch nach? 

Wie ist der altersmüde Geist zu bewerten? Der beginnt, löchrig zu werden? Wie ist es zu bewerten, wenn es heißt, das menschliche Gehirn sei physiologisch nur auf 60 Jahre ausgelegt, und wenn Menschen heute älter werden, dann sei das zwar für deren Erleben eine schöne Sache, aber rein geistig regredieren sie.  

 

Wenn man Leistungssportler über die Jahre hinweg in ihrem Leistungsvermögen vergleicht, erkennt man schnell, dass die meisten ähnliche Entwicklungsphasen durchlaufen. Wobei es naturalmente auch auf die Disziplin ankommt, in welchem Alter der Sportler seine größte Leistungsfähigkeit erreicht – insbesondere in den Disziplinen, in denen künstlerischer Ausdruck bewertet wird, legt die Jury merkbar auf jugendliche Eleganz Wert (z. B. Kunstturnen, Eiskunstlauf).

Ein Boxer hingegen gilt gegenwärtig offenbar erst mit Anfang bis Mitte Dreißig als auf seiner Leistungshöhe angelangt (was aber auch an den Ausscheidungskämpfen liegen mag, die eher den älteren, profilierten Boxern entgegenkommen). Ein Schachspieler, der eigentlich nur eine lächerlich geringe körperliche Kraft zum Ausüben seines Sports aufwenden muss, ist seltsamerweise auch selten über Mitte Dreißig noch auf seinem höchsten Leistungsniveau – wie kommt das? 

Wodurch sich mir eine weitere Frage aufdrängt:  

Wie verhält es sich dann eigentlich mit der Philosophie? 

Kann man wirklich behaupten, der Geist eines alten Mannes sei weiser als der eines jungen – so, wie es seit Jahrtausenden angenommen wird?  

Ist es sinnvoll, dass die Politiker, die unsere Staaten lenken, und die Manager, die die Konzerne regieren, in der Regel in den Fünfzigern ihres Lebens stehen? Oder wären jüngere Kräfte eine echte Alternative? 

 

Wann ist der Geist auf seinem Zenit?  

Wenn er am konzentrationsfähigsten ist? 

 

Was bedeutet Erfahrung im Denken? Wie kommt es, dass ein alter Schachspieler mit Routine und Erfahrung allein nicht mehr mit den jüngeren Kollegen mithalten kann – was geht verloren, wenn es offenbar nicht die Erfahrung ist? Nicht nur eine Art von intellektueller Rechentechnik scheint gefragt. Ist es eine Frage der Denkgeschwindigkeit? Ermüden die Schaltkreise im Gehirn? 

 

Wird Erfahrung überbewertet? 

Hierfür müsste man wissen, wie die Welt strukturiert ist: Wenn in ihr die Gesetze wechseln können, weil Gott ein paranoider Weltenschöpfer ist, dann wäre Erfahrung tatsächlich ein Trugschluss. Dann würde der Zuwachs an selbiger nicht mehr das Defizit an mangelnder Denkgeschwindigkeit kompensieren können.

 

 

Sie bemerken gewiss: Die Fragen häufen sich, werden aufdringlich. Was ist ein Buch wert, wenn es vorwiegend Fragen stellt, wenig Antworten gibt? Ich kontere diesen Einwand wie folgt, ich hoffe, auch Sie empfinden meine Wendung als elegant und nicht nur als tricky:

 

Ein schöner Geist stellt viele Fragen. 

 

Fragen, in Reihe geschaltet, sind manchmal ihre eigene Antwort. Ein bunter Blumenstrauß fein aufeinander abgestimmter Fragen kann einem Geist unfassliche Schönheit verleihen. Manche Fragen können, wenn man sie von der anderen Seite ansieht, auch für Ruhe sorgen und nicht nur Beunruhigung auslösen. 

Und, als Paradoxon, als Denkaufgabe especially for you: Vielleicht sind manche Fragen der idealere Ausdruck der Wirklichkeit als ihre Antwort es je sein könnte!

 

Aber Sie merken schon, meine Gedanken treiben mich vor sich her. Es ist schwer, sie tatsächlich zusammenzuhalten, in Spur zu trimmen, sie in Reih und Glied exerzieren zu lassen. Insbesondere der Essai erlaubt es dem Essaisten, die Gedanken zirkulieren zu lassen, sich im Kreis zu drehen (& mit Adorno ein Essay-als-Form-Tänzchen zu wagen ...) – wovon ich ausgiebig Gebrauch machte bisher! 

Jetzt aber, hier, an diesem Denkort, dieser Passage, möchte ich noch einmal auf die Bildung der Gedanken zurückschwenken, wenn Sie mir diese Freiheit gestatten! (ein ironisches Augenzwinkern anbei an dieser Stelle ...)  

Beim Schachspiel hat man in der Regel genügend Zeit, um die Situation einzuschätzen und zu durchdenken. Dieses Denken spielt sich zumeist mit sprachlichen Subtiteln ab, der Geist kommentiert sich gewissermaßen beim Überdenken der Spielsituation selbst. 

Murmelt das beliebte wenn ich dies mache, dann musst du das machen und dann kann ich wieder das tun ... und spielt somit im Geiste die Alternativen durch, die er für die Besten hält.

Was hingegen passiert in Spielen wie etwa beim Tischtennis? Da ist die Reaktionsgeschwindigkeit so hoch, dass Nachdenken eigentlich in größerem Stil nicht möglich ist. Oder beim Spiel am Flipperautomat? Was geschieht da? Die Spieler handeln, agieren aus Reflexen heraus. Haben lediglich in den Spielpausen Gelegenheit, über das soeben Gespielte zu reflektieren. Können kurz analysieren, welche Spielzüge sinnvoll waren und welche nicht, können sich eine Strategie zurechtlegen – also eine Art Vorprogrammierung ihres zukünftigen Verhaltens vornehmen. 

In der Situation selbst aber läuft das Spiel ab, nahezu so, wie eine Flipperkugel durch den Flipperautomaten läuft. Alles automatisch, alles wie in einem Programm. 

Nur gelegentlich schießen dann subGedanken ins Gehirn, meist aus Wahrnehmungen entstehend, wie man den Schläger hält oder dass man näher zur Platte zurückkommen sollte. Oft, wenn man eine Strategie erwägt, ist nur Raum für diese eine Strategie: Man wartet auf den Ball, der dieser Strategie entspricht, befindet sich bis dato auf Autopilot, funktioniert, und sobald die Spielsituation erreicht ist, in der man einen Kniff anwenden wollte, versucht man diesen zu realisieren.

 

Worauf ich hinauswill: Es gibt verschiedene Modi, in denen der Geist arbeitet. Er kann einmal als schneller und spontaner Geist arbeiten wie beim Tischtennis oder beim Tetris-Spielen, aber auch als langsamer Geist, wenn er die Zeit hat, eine Entscheidung zu wägen. Kann in die Tiefe dringen und viele Aspekte mit einbeziehen, vergleichbar dem Schachspiel mit langer Nachdenkzeit an einer entscheidenden Stelle. 

 

Es ist interessant, die Entscheidungen von Menschen zu vergleichen, wenn sie unter Zeitdruck stattfinden und wenn ausreichend Zeit besteht. Wagen Sie mit mir folgendes Gedankenexperiment à la Winnetou: 

Richten Sie vor einer Mutter von mehreren Kindern die Pistole auf das Gesicht ihres Kindes und sagen, entweder ich erschieße jetzt dein Kind oder aber dich, was ist dir lieber? Ich wette, im Affekt würden viel mehr Mütter ihr Leben dem Kind schenken wollen.

Was aber, wenn sie mehrere Tage Zeit haben, in einer Einzelzelle, nur für sich allein? Sie würden nachdenken, was mit den anderen Kindern ist, für die sie auch Mutter sein müssten. Ich wette, die Entscheidung würde durch das Überlegen anders ausfallen. Je mehr Zeit verginge, desto mehr Mütter würden ihr Kind opfern. 

Oder täusche ich mich? 

 

Wann haben Sie sich selbst als wankelmütig erlebt? Es gibt Situationen, bei denen man unter direktem Stress steht und aus dieser Situation heraus zu den eigentlich sonderbarsten Affekten neigt.  

Ein weiteres heftiges Beispiel: Als man Stalin damit konfrontierte, dass seine Soldaten nach den Schlachten die Frauen der Unterlegenen vergewaltigten, erklärte dieser: Ja, aber das tun sie nur in den ersten paar Stunden nach der Schlacht.

 Wollte er damit sagen, dass sich die Frauen in diesen Stunden verstecken sollten? Wollte er etwas entschuldigen? Gewiss sprach aus ihm auch ein Erfahrungswert – es ist sehr gut vorstellbar, dass die Soldaten tatsächlich nach einer gewissen Zeit, wenn die unmittelbare Todesangst abgeflaut war und die Euphorie des Überlebens auch, wieder normal denken und handeln konnten.

 

Woraus hervorgeht: Geist ist niemals nur etwas Intellektuelles. Ich habe einmal folgenden Aphorismus geprägt, der sich hier gut in den Text einfügt: 

 

Ein Geist ohne Körper ist kein Geist. 

 

Der Körper beeinflusst das Denken und Handeln in großem Umfang. Um gedankliche Tiefe im strategisch-analytischen Sinne zu erreichen, muss man den Körper so gut es geht ausschalten bzw. aus der Wahrnehmung ausblenden: was man landläufig Konzentrationsvermögen nennt.

 

 

In dem derzeitigen Diskurs über Willensfreiheit und Determismus wird gerne darauf verwiesen, dass der Begriff Willensfreiheit trügerisch sei, dass man vielmehr von Handlungsfreiheit und Gestaltungsspielräumen sprechen sollte; der Einzelne hat also Entscheidungsmöglichkeiten, kann Varianten imaginieren und dann daraus die für ihn attraktivste auswählen. 

Die meisten Entscheidungen aber erscheinen so minimal und marginal, dass sie wenig wahrgenommen werden. Es sind die großen Entscheidungen, die besonders tiefe Spuren hinterlassen und auch später noch nachdiskutiert werden im Sinne von: War dieser Entschluss richtig gewesen oder falsch?

 

 

Was sind große Entscheidungen genau? 

Die, die man später eventuell bereut? Was macht eine Entscheidung zu einer großen Entscheidung? Die Zeit, die man mit ihr verbringt? Das Hin und Her im Geist? Diese beständige 50:50-Situation? In der man sich verhält wie Frank Stark, Vater von Jim Stark aus Denn sie wissen nicht, was sie tun:

 

I wouldn't make a hasty decision. Nobody can make a snap decision. We've got to consider the pros and cons, make a list, get advice ...  

 

Bei Lebensentscheidungen scheint es durchaus angemessen, sich etwas Bedenkzeit zu nehmen. Also etwa jene Fragen: Heirate ich diese Frau oder nicht? Welchen Beruf wähle ich? 

Das Problem hieran ist nur, dass man sie für eine lange Zeitdauer trifft. Allerdings neigt die moderne westliche Gesellschaft dazu, derartige Fragen ohnehin zu entschärfen, weder Beruf noch Ehevertrag werden heute von vielen als echte Lebensentscheidung angesehen, weil Flexibilität das große Wort dieser Zeit ist, und überdies entscheidet häufig (als geheime Instanz im Hintergrund bzw. im Unbewussten) doch die Neigung.

 

Bzw. die Fixierung.

Wenn man sich ansieht, wer etwa Psychologie studiert, wundert man sich doch über das munter neurotische und psychotische Potential jener Studenten. Ob sie befähigt sind für diesen Job? Warum ist die Selbstmordrate von Psychologen und Psychiatern signifikant höher als beim Durchschnitt? Oder nehmen Sie die Ärzte: Sie haben eine geringere Lebenserwartung als der Bevölkerungsdurchschnitt, leben erwiesenermaßen ungesünder – wie kann man ihnen dann eigentlich seinen eigenen Körper anvertrauen? 

Oder nehmen Sie den Rechtsanwalt aus den USA, der mich allen Ernstes bat, als sein Fahrrad gestohlen wurde, dass ich für ihn (weil er Ausländer war) nachträglich eine Fahrradversicherung für selbiges gestohlenes Rad abschließe bei seinem Fahrradhändler, der in diesen Deal eingewilligt hatte. Er hat seinen Strohmann schließlich gefunden - und arbeitet nichtsdestotrotz heute in den Vereinigten Staaten als Anwalt. 

Oder schauen Sie mal genauer in eine beliebige Steuerkanzlei: Die Steuerberater erklären dir irgendwann hinter vorgehaltener Hand, dass Sie eigentlich immer mit einem Fuß im Gefängnis stehen, sie können nicht anders, weil die Konkurrenz es genauso macht, haben sich an das Spiel gewöhnt, dass so lange munter beschissen wird, bis es zu einer deutlicheren Rechtsnovelle kommt, die derlei Missbrauch unterbindet.

Oder die Künstler: Sie verstehen es in der Regel, Emotionen zu zeigen und schulen sich mitunter in den Ticks und Abweichungen, die sie dann dem Ottonormalbürger stolz vorführen, aber eigentlich sind sie oft nur Clowns oder ewige Kinder oder verkümmerte Seelen, deren Intention oder Motivation viel zu große (oft auch metaphysische oder spirituelle) Bedeutung beigemessen wird – allein die Frage Was hat der Künstler damit sagen wollen? ist zumeist eine Farce. Wollte er verständlich sein, würde er sich dann nicht verständlich ausdrücken? Im Künstler lieben die meisten Leute gerade das Unverständliche, Andere, in ihm inkarniert sich das Verrückte und Andere, was sonst niemand zu leben wagt – weshalb viele Künstler es ablehnen, ihre eigene Kunst zu analysieren, aus Angst, ihre Kreativität zu verlieren.

Einzig die Polizisten und Soldaten scheinen mir das realisieren zu können, was in dem Berufsbild gefordert wird: Korpsgeist, Neigung zum Brachialen, charakterliche Demut nebst zerebraler Schlichtheit, Gesundheit und Power.  

 

Kurzum, der vor der Berufswahl stehende Geist scheint diejenigen Berufsbilder als attraktiv einzustufen, die ihm als Herausforderung erscheinen. Er meint, zu profitieren, wenn er sich in diese Richtung entwickelt. Und diese Richtung schlagen dann oft jene Protagonisten ein, die eigentlich ein Defizit haben. Sie kompensieren es und erlangen auf dem Weg der Kompensation womöglich auch einmal Kompetenz. (Zwingend ist das nicht.) 

Wie auch immer, die Entscheidung für den Beruf ist in our days nicht mehr definitiv, bleibt als Thema auch nach vielen Jahren aktiv, etwa wenn es darum geht, besser dotierte Posten mit größerer Verantwortung anzustreben bzw. zu beziehen.

Wann also muss man heute noch wichtige Entscheidungen treffen? Im Falle von Krankheiten, wenn man die richtige Therapie auswählen muss? 

 

Aber wenn man genau hinsieht, versprechen auch diese Alternativen keine echte Freiheit. Denn letztendlich wäre ideale Freiheit eigentlich nur folgendes: Etwas zu tun, das gegen die Vernunft gerichtet ist. Etwas, das das Ich als schlecht für das Ich einstuft. Dann wäre Freiheit nur das, was man früher als Sünde bezeichnet hätte. Oder, in purster Form, dieses: Irrsinn. Also eine absichtlich falsche Entscheidung. Denken Sie sich einen jungen Verliebten, der weiß, dass die Frau ihm gegenüber die Frau seines Lebens ist (fragen Sie mich nicht, woher er das weiß; er weiß es eben oder glaubt es zumindest ganz sicher zu wissen) – und sie aus eben diesem Grund meidet. Nicht, weil er andere Gründe haben könnte, sondern: Weil er mit ihr glücklich ist.

Weil er glaubt, den Rest seines Lebens mit ihr glücklich sein zu können.  

Frei ist er dann, wenn er zu diesem perfekten Glück nein sagen kann. 

 

Kann er das?

Niemand wird es tun. Oder doch? Wie ist solch ein Mensch zu begreifen? Ist er completely crazy? Ein Masochist? Aber wenn er ein Masochist wäre, dann wäre er ja glücklicher, wenn er leiden würde, und somit wäre er mit der Frau gewiss nicht glücklich, wenn er sie heiratet. Er wäre nur glücklich, wenn er es nicht tut!

 

Sie sehen: Die Freiheit ist eine Farce.  

Das, worauf die westliche Welt sich beständig beruft – und sie führt sogar Kriege in dem Namen der Freiheit – ist eine riesige Illusion, die letztendlich zumeist nur Enttäuschungen und Unglücklichsein hervorbringt. 

 

 

Wer wird es wagen, sich gegen dieses Schema zu wenden? Er riskiert viel: Man wird ihn für einen Exzentriker halten, manchmal vielleicht, wenn er Glück hat, auch für einen Visionär. Aber die meisten werden in ihm den komischen Kauz sehen oder gar den Verrückten. 

Es gibt allerdings ein paar erlesene Refugien, in denen dieses Verhalten erlaubt, ja sogar gern gesehen ist. In der Kunst beispielsweise, oder manchmal auch in einem Spiel. Dann, wenn es um nichts mehr geht etwa, wenn man nichts zu verlieren hat und - denken Sie an Schach - eine letzte gewaltige und zumeist verzweifelt-hoffnungslose Offensive startet. 

 

 Viele Menschen, von denen man landläufig sagt, sie würden verrückt, häufen in der Tat oft derart merkwürdige Entscheidungen in großer Zahl an. Sie finden sich in einem großen Lebens-Spiel wieder, das sie nicht normal weiterspielen wollen im Sinne der üblichen Spielregeln. Sie laufen Amok. Einige wohl auch deshalb, weil sie in sich selbst etwas spüren, das eine andere Logik hat als die Logik, die der common sense definiert hat. Verrückte sind gemäßigte Amokläufer, manchmal aber auch nur Faultiere der Gesellschaft, die mittels dieser Methoden sich Räume, Freiräume schaffen, um sich nicht einbinden zu müssen in moralische Zwänge oder Anforderungen, kurzum, der vermeintlichen Freiheit wegen. Ihre Stärke ist somit gleichzeitig ihre Schwäche, ihr Privileg ein immenses Opfer, ihr Sieg immer auch eine grandiose Niederlage.

 

(Selbstredend gibt es auch noch die gewiss nicht kleine Zahl von Wahnsinnigen, die über den vielfältigen Störungen ihres Körpers verzweifeln, das aber sich oder anderen nicht genügend oder plausibel zu erklären vermögen, insbesondere, wenn es sich um Störungen des gesamten Organismus handelt, also diffus-vielfältig sind, so dass kein definierbares Krankheitsbild zu erkennen ist.)

 

 

Einen schönen und luziden Satz zu dem Thema der Entscheidungsfreiheit hat Robert Musil in seiner Erzählung Die Portuguisin formuliert, als der Jugendfreund zu seiner Jugendfreundin sagt, um sie zum Ehebruch zu überreden:

 

Du tust das nicht, was du willst, und tust das, was du nicht willst. 

 

Musil liebte die Gegensätzlichkeiten, spielte gerne und oft mit fernöstlichen Weisheiten sein intellektuelles Paul-Valery-Monsieur-Teste-Ping-Pong-Dialog-Spiel. In dieser Erzählung fokussierte er hingegen vorwiegend den Themenkomplex um Eifersucht und Treue – das, was jeder schon einmal erlebt haben wird: Dass dummerweise oft beide Alternativen als genauso grundverkehrt erscheinen. Ein intrapersoneller Konflikt entsteht, wenn beispielsweise die Interessen des Moments mit denen der Zukunft im Widerstreit liegen: Soll man für Augenblicke (etwa für Momente der Liebe bzw. des Begehrens) glücklich sein und dafür die ruhige, aber stete und verlässliche Konstanz einer bestehenden Lebensverhältnisses aufs Spiel setzen?

Oder aber, wenn es nicht um diese Dauer bzw. Zukunft geht, sondern um situative Richtungsfragen (rechts oder links? Sekt oder Selters?): Dann ringen oft verschiedene Elemente miteinander, die beide genauso attraktiv sind, und erzeugen, obwohl beide Varianten verlockend und für sich betrachtet auch lohnenswert sind, dennoch in ihrer Kombination Kummer, weil man sich nicht entscheiden kann, und selbst wenn man sich zu einer Alternative durchringt, die andere Alternative hätte immer besser sein können (Sie kennen das aus dem Restaurant, wenn Sie dummerweise zwei Gerichte favorisieren, also hin- und hergerissen sind – Sie würden es vermutlich wie ich bevorzugen, nur einen klaren Favoriten zu haben, denn dann kann nur noch der Küchenchef versagen, Sie sind schuldlos, müssen sich nicht ausschelten, eventuell die falsche Entscheidung getroffen zu haben; wiewohl das schlechte Gefühl wegen der eigenen falschen Entscheidung natürlich purer Unsinn ist, weil Sie keine Möglichkeit haben, die dafür relevanten Informationen zu bekommen ...).

Im Musils Erzählung ist folgendes der Fall: Wenn die Portuguisin tatsächlich das gemacht hätte, was ihr Jugendfreund ihr unterstellte, also gegen ihre eigenen, ureigensten Wünsche gehandelt hätte – dann hätte sie das getan, was ich soeben als completely crazy definiert habe, die größte Revolte also, die ich mir vorstellen kann. Aber in Musils Geschichte bleibt die Unterstellung des Jugendfreunds eine Hypothese, weil die Figur der Portuguisin erzähltechnisch als Black Box fungiert, sicherlich aus Musilschem Kalkül, der Autor wollte partout keinen Hinweis aus ihrer Innenperspektive geben, um sie als Mysterium stilisieren zu können: Weshalb dieser Satz stehen bleibt als Monolith und Denkmal seiner selbst, als Möglichkeit von Wahrheit.

 

Die Geschichte von der Portuguisin lässt sich somit schwerlich als Credo für den Fatalismus lesen, das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Am Ende ist es der (eventuell gehörnte) kranke Ehemann, der sich als Held erweist, indem er nicht zuletzt durch seine immense Willenskraft die Ungeheuer des Zweifels besiegt: Er unternimmt eine halsbrecherische Aktion, klettert einen mörderischen Steilhang zur heimischen Burg hinauf; was verdammich nach einem verkappten Suizidversuch aussieht, gerät schlussendlich zum Überraschungsbeweis, dass manchmal sogar das Unwahrscheinlichste gelingen kann – und mit diesem Beweis kann er auch die ihn aufzehrende Eifersucht besiegen, denn der Jugendfreund ist in der gleichen Nacht abgereist: Eine gar hübsche Koinzidenz am Ende einer Geschichte ...

 

 

Die Fürsprecher der soften (=abgemilderten) Freiheitsphilosophie brauchen – als Notnagel gewissermaßen – für die Stringenz ihrer Argumentation wenigstens die partielle Handlungsfreiheit: Wenn man schon keine echte Freiheit hat oder diese Freiheit keinen Sinn macht, so hat man doch immer eine Freiheit im Rahmen mehrerer Alternativen, kurzum: Man kann sein Leben noch immer gestalten, und das ist Balsam für die erregten Gemüter. 

 

Rotwein oder Weißwein? 

Läuft das Leben auf diese kleine(n) Frage(n) hinaus? 

 

Ein anderes, weiter reichendes Beispiel zu diesem Thema: Ich träume davon, einmal für längere Zeit in die Himalajaregion zu fahren, ein halbes Jahr dieses Gebirge zu umreisen. Und obwohl ich nicht vorhabe, den höchsten Gipfel, den Everest zu besteigen, wenn ich vorort bin, könnte ich doch der Versuchung erliegen, zum BaseCamp hinaufzusteigen. Weil es eine Herausforderung wäre. 

Und gesetzt des Falls, ich breche dann tatsächlich zu diesem Camp auf: Ich werde während des Aufstiegs immer wieder mit mir hadern: Oh, hier zwickt es im Bein und hier im Kreuz, oh, die Luft ist ganz schön dünn hier, gleich wird dir schwindlig, warum tust du dir das an? Kehr lieber um! Wer will denn da hoch? Du? Das Ich? Der Körper? Dein Ego, das es nicht verwinden würde, wenn du jetzt aufgibst? Dein Stolz? Der Körper leidet nur, der Körper will umkehren, der Körper ist immer bequem, warum gibst du ihm nicht nach ..? 

Worum geht es? Darum, dass ich hinaufsteige, um des großen Erlebnisses willen? Um später damit angeben zu können? Um es gemacht zu haben, wie tausende andere? Weil ich es will?

 

Wenn ich tatsächlich hinaufsteige, wird es nicht mein Willen sein und nicht meine Freiheit, die mich hinaufführen. Es wird der Geist sein, der jeden Augenblick taxiert, ob es möglich ist, dieses Ziel zu realisieren. Und wenn es möglich ist, wird er den Körper weiter hinaufführen, vielleicht bis zum BaseCamp.

 

Handlungsfreiheit? 

Zu einem komplexen Thema wie diesem gewichten sich zu viele Argumente, um sie auf ein überschaubares Maß zu reduzieren. Risiken können nicht im vorhinein abgeschätzt werden, die körperliche Kondition ist nicht genau zu prätaxieren, hinzu kommt Wetter und auch eine Nuance unkalkulierbares Schicksal. In jeder Minute kann sich alles ändern, insbesondere in den Bergen; jeder, der einmal auf Abenteuerreise war, kennt dieses Gefühl der Abhängigkeit von so vielen Parametern. Kennt auch den Konflikt, wenn es genauso viel oder genauso wenig Sinn macht, umzukehren wie weiterzulaufen ... Momente, in denen das Leben sich aber, gerade weil hier ein Aspekt der Verzweiflung verwirklicht wird, ganz besonders lebendig anfühlt.

 

Handlungsfreiheit? 

Ich könnte Ihnen auch ein paar Aufgaben stellen, die Sie erfüllen sollen, um zu beweisen, dass Sie handlungsfrei sind. Sie würden es ablehnen, meinen Aufforderungen zu folgen. 

Und vielleicht – sofern Sie mich mit meinen eigenen Worten schlagen wollen – sagen Sie dann: Aber ich beweise ja gerade, indem ich ihre Aufgaben ablehne, dass ich handlungsfrei bin, nämlich frei, Ihre Aufgaben abzulehnen. Gut, für Sie kann ich mir dann ein paar hübsche Aufgaben ausdenken, die Sie gewiss nicht ablehnen wollten.

Kurzum: Der Begriff der Handlungsfreiheit ist sinnleer, bleibt Augenwischerei, eine Art von Hypnose für aufgeklärte Köpfe unserer Zeit – die sich, obwohl sonst zumeist atheistisch orientiert, auf diese Weise leider doch noch auf den letzten Metern des Wettlaufs um die geistige Klarheit in den perfiden Stolperfallen der Schuld verheddern: Hätte ich damals doch nur das getan und nicht jenes, lamentieren sie und merken nicht, wie wenig progressive Substanz sich aus dieser primitiven Form der intellektuellen Auswertung der Vergangenheit steckt ...

 

Diesen einen Vorteil der Unfreiheit kann niemand leugnen, und es ist ein schwergewichtiger: Ein Mensch, der keine Handlungsfreiheit  besitzt, macht keine Fehler. Er handelt. Er tut nichts anderes als handeln. (Handeln geschieht.) Und seine Handlung kann sich im Nachhinein als wenig zweckmäßig erweisen. Aber, ich schwöre Ihnen das: wenn er es hätte besser wissen können, er hätte es besser gemacht!

 

So aber gibt es in seinem Leben nur diese eine Linie: Sie ist automatisch die Ideallinie. Er muss nicht mehr streben und optimieren, er ist optimiert. 

 

 

Die Frage nach der Willensfreiheit oder dem Handlungsspielraum berührt auch die Frage nach der Freiheit der Gedanken selbst. Der Marquis de Posa in Don Carlos erklärte ebenso schön wie schilleresk pathetisch:

 

 

Marquis (mit Feuer) Geben Sie 

Die unnatürliche Vergöttrung auf, 

Die uns vernichtet! Werden Sie uns Muster 

Des Ewigen und Wahren! Niemals – niemals 

Besaß ein Sterblicher so viel, so göttlich 

Es zu gebrauchen. Alle Könige 

Europens huldigen dem spanischen Namen. 

Gehn Sie Europens Königen voran. 

Ein Federzug von dieser Hand, und neu 

Erschaffen wird die Erde. Geben Sie 

Gedankenfreiheit. - (Sich ihm zu Füßen werfend.)  

 

 

 Bis auf den heutigen Tag fragen die Deutschlehrer ihre Schüler: Was meint er damit? Was ist Gedankenfreiheit?

Etwa das, was als Volksweise aus Hessen überliefert ist? 

 

 

Die Gedanken sind frei  

 

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, 

Sie fliehen vorbei, wie nächtliche Schatten. 

Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, 

mit Pulver und Blei: die Gedanken sind frei. 

 

Ich denke, was ich will, und was mich beglücket. 

Doch alles in der Still und wie es sich schicket. 

Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren. 

es bleibt dabei: die Gedanken sind frei. 

 

Ich liebe den Wein, mein Mädchen vor allen. 

Sie tut mir allein am besten gefallen. 

Ich bin nicht alleine bei meinem Glas Weine. 

mein Mädchen dabei: die Gedanken sind frei. 

 

Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, 

das alles sind rein vergebliche Werke. 

Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken 

und Mauern entzwei. Die Gedanken sind frei. 

 

Drum will ich auf immer den Sorgen absagen, 

Und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen. 

Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen 

Und denken dabei: die Gedanken sind frei. 

 

 

Diese beiden Texte haben nicht die exakt gleiche Stoßrichtung, aber illustrativ sind sie beide. Der Marquis de Posa versucht sich als früher Aufklärer, will die Freiheit erstreiten; er ist ein Reformer politischer Natur. Die Volksweise aus Hessen dagegen hebt ab auf das Private der Gedanken, und auch der Fantasie. Während erstes Zitat an einen König gerichtet ist, hat zweitere das Volk als Adressaten. 

Sie spannen das Spektrum auf: Von aufoktroyierter Selbstkontrolle wegen Gedankenunfreiheit bis hin zur fröhlichen Gedankenfreiheit. Beide Modelle gehen instinktiv davon aus, dass es die Möglichkeit von Freiheit gäbe. Was allerdings tut man, wenn die Gedanken nicht frei sein können, weil sie aus dem gesamten zerebralen und sub-zerebralen Brainensemble heraus erzeugt werden, ein Orchester mit einem Dirigenten, der nichts anderes ist als ein gestenreicher Tänzer? Zuerst sind da die Außenwahrnehmungen, dann die Körperwahrnehmungen, dann die zerebralen Strukturen ... sie konzertieren die Gedanken, die sich dann wie auf einem Ticker abzeichnen und das bilden, was wir Geist nennen und dann auch ICH.

Was, wenn das Ich nur ein artifizieller Roboter ist? Die meisten, die sich dieser Frage konfrontiert sehen, reagieren abwehrend oder aber übertrieben belustigt, ohne wirklich belustigt zu sein. Im ersten Moment setzt dieser Gedanke Angst frei. Äußert sich in befremdeten Blicken, verschränkten Armen und anderem mehr. 

Nietzsche sprach diesbezüglich von dem schwersten Gedanken überhaupt – er meinte die Ewige Wiederkehr. Zwar ist die nicht unbedingt mit der Roboterphilosophie gleichzusetzen, ihr allerdings sehr nahe verwandt; denn Nietzsche, wie ich ihn interpretiere, hat sich über eines so erschrocken und auch daran überhoben (an diesem schwersten Gedanken, wie ich mutmaßen möchte): dass man in jedem Lebensaugenblick so leben müsste, dass man immer das Optimale herausholte.

Und das schafft einen schier übermenschlichen Druck, das wird jeder nachvollziehen können: Der Perfektionismus beschränkt sich jetzt nicht nur auf einzelne Momente der Arbeit oder des Gesprächs, sondern erfasst das ganze Leben und verlangt in jeder Sekunde (eigentlich sogar im Schlaf) die höchstmögliche Konzentration auf das Sinnvolle. 

 

Ein übermenschlicher Druck.

 

Man kann denselben Gedanken aber auch ganz anders auffassen. Die Mystiker zum Beispiel haben ihn völlig konträr zu deuten verstanden: Ihnen ging es nicht darum, dass man einen freien Willen habe, mit dem man das Optimale herausholen könne; man ist ohnehin nur etwas, das geschieht. Ist nicht anders als eine Wolke, die sich bildet, über den Himmel zieht, sich wieder verliert.

 

Der persische Dichter Hafiz (Muhammad Schams ad-Din) hat es im 14. Jahrhundert schön formuliert: 

 

Nur Sklaven sind frei. 

 

Wie ist sein Paradoxon zu verstehen? Ich tendiere zu dieser Deutung: Dass jemand, dessen Leben ganz und gar nicht in seiner eigenen Hand liegt, sondern in der Hand des Schicksals, des Universums oder Gottes – weder Schuld verspüren muss noch Scham, weder von zu großen Ambitionen gequält wird etc., er ist Sklave des Schicksals und kann deshalb mit aller Ruhe und Gelassenheit sich selbst zusehen beim Leben. Und denken. Und handeln. 

Er ist frei, weil er genießen kann. Er muss nicht mehr kämpfen. Er muss nicht dem kapitalistischen Ideal der besten Lösung nachjagen oder dem evolutionären survival of the fittest tagtäglich seinen Diener machen.

 

 

Auch der junge französische Dichter Jean-Arthur Rimbaud generierte Nietzscheanisches, dies war offenbar der Geist jener Zeit, der Zeit der Immoralisten. Er schrieb 187x an Georges Izambard: 

 

Es ist falsch, wenn einer sagt: Ich denke. Man sollte sagen: Es denkt mich. (Entschuldigen Sie das Wortspiel.) 

Ich ist ein anderes. Schlimm genug für das Holz, das als Geige erwacht. 

 

Und dann an Paul Demeny: 

 

Denn Ich ist ein anderes. Wenn Kupfer als Trompete erwacht, ist es nicht seine Schuld. Mir ist eines klar: ich nehme teil am Entstehen meines Gedankens. Ich sehe ihn an ich höre ihn; ich streiche mit einem Bogen über die Saite: schon ertönt in den Tiefen die ganze Symphonie; oder sie erfüllt mit einem Sprung die Bühne. 

Wären die alten Schwachköpfe nicht zu einer völlig falschen Vorstellung vom Ich gelangt, brauchten wir heute nicht diese Millionen von Skeletten wegzukehren, die schon eine Ewigkeit immer neue Produkte ihres bornierten Verstandes anhäufen und sich deshalb Autoren nennen! 

 

Jemand generiert also das Ich. Rimbauds Ansatz ähnelt frappierend dem Nietzsche´schen Denken Icht, oder irre ich mich?

Und was halten Sie davon, dass Rimbaud das zur Sprache gekommene Ich einmal mit einer Geige, dann mit einer Trompete vergleicht? Wenn das Ich tatsächlich ein Musikinstrument ist – wer spielt dann darauf? 

Im weiteren Verlauf gibt Rimbaud dem Dichter aber wieder die Handlungsgewalt zurück, er muss sich nun selbst beweisen, soll sich zum Entgrenzer aller Sinne machen, der alle Formen der Liebe, des Leidens und des Wahnsinns erforscht, unsagbare Foltern auf sich nimmt, um die Quintessenz herauszufiltrieren. Um allwissend zu werden, um im Unbekannten anzukommen. Er ist beladen mit der ganzen Menschheit, er muss das, was er aus den Abgründen herausholt, in eine neue Form fügen. Ja er soll sogar der Begründer einer neuen Sprache werden: Der Universalsprache.

Träumt Rimbaud. 

Und macht mit diesen Träumen sein eingangs gewähltes Argument vom nicht selbstbestimmten Ich damit wieder den Garaus, nutzt es lediglich als rhetorischen Kniff, um zu begründen, warum er das tut, was er tun muss: Ein Dichterleben zu führen, das, im Falle des jungen Rimbauds, viel zu tun hat mit dem eines jungen Taugenichts. 

 

(Apropos Rimbaud: Im selben Brief schreibt er über den Dichter von  morgen: „Doch es geht darum, die Seele zum Ungeheuer zu weiten: nach Art der Comprachicos, genau so! Man muss sich einen Menschen vorstellen, der Warzen in sein Gesicht pflanzt.)

 

Rimbauds Seelenforscher stürzt sich auch in die Abgründe ds Wahnsinns. In diesen Textpassagen erinnert seine poetische Gestalt frappierend an Nietzsche:  

 

Er kommt im Unbekannten an, und wenn er schließlich, gestörten Geistes, seine Visionen nicht mehr begreift, so hat er sie doch gesehen! Mag er in seinem Sprung zu den unerhörten und unnennbaren Dingen auch umkommen: es wird neue schreckliche Arbeiter geben. Sie werden an jenen Horizonten beginnen, wo er hinsank! 

 

Von diesem Denkort aus ist es nicht mehr weit zu einer populären Form der Paranoia: Der Fernsteuerung, der Gedankenkontrolle bzw. Gedankenfremdkontrolle. 

Man kann es als das negativ empfundene Vollautomatik bezeichnen, die einer negativen Interpretation des strikten Determinismus entwachsen ist; sie ist die Schwester des Dispositivs einer friedlich-durchstrukturiert-verbundenen Welt, in der alles seinen idealen Sinn hat und nicht nur nach dem bestmöglichen Weg sucht (das Universum auf Selbstfindungstrip gewissermaßen). Leider ist diese Schwester ein gar fürchterliches Ungeheuer.

Die negativ empfundene Vollautomatik legt alle universellen Wesen und Strukturen fest und deutet diese gemäß jener Festlegung als ferngesteuert, als fremdbestimmt und damit auch insgesamt fremd. Der einzelne Mensch, der dieser Paranoia anheimgefallen ist, ist bestenfalls Rädchen, vielleicht sogar Werkzeug, das in einem Sinn funktionieren muss, der ihm selbst nicht klar ist ... viele Paranoiker, die von Fremdbestimmung sprechen, sind eigentlich verkappte Deterministen der striktesten Sorte. Man könnte eventuell auch Friedrich Nietzsche mit solch einem strikten Determinismus in Verbindung bringen, klänge in seinen Schriften nicht immer wieder das Credo des Willens zur Macht an, aus dem andere Schlüsse gezogen werden können.

Wiewohl auch Nietzsches Wille zur Macht nicht individuell motiviert sein muss. Nicht der Einzelne selbst hat dann den Willen zur Macht, sondern der Wille zur Macht ist treibender Teil seines Wesens, und ein Aspekt dieses Wesens ist dann dessen ICH; das Ich ist demnach nur ein Ich-Aspekt im Konzert des quasi-darwinistischen Willens zur Macht. 

 

(Wobei man hinzufügen sollte, dass Nietzsches Geisteshaltung sehr oft wenig deterministisch war: seine oft sehr emotionalen Anklagen an die Mitmenschen hätte er sich in seinen Essais sparen können, wenn er tatsächlich ein überzeugter Determinist gewesen wäre: doch Nietzsche fand eine perfide Befriedigung in der Beschimpfung und auch Beschuldigung seiner Zeitgenossen.) 

 

 

Menschen, die an eine Gedankenkontrolle oder Gedankensteuerung glauben, drücken damit häufig ihre überbordende Hilflosigkeit aus. Statt Befreiung zu empfinden im Hafiz´schen Sinn (Nur Sklaven sind frei), sehen sie in dieser automatisch ablaufenden Weltmaschinerie nur die Dimension der Strafe. Sie fühlen sich von dieser Automatik gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun möchten. Etwas, das sie im übrigen mit allen anderen Menschen teilen – nur dass jene es bei einem sanften Ärgern und Selbstkritisieren belassen und darauf vertrauen, beim nächsten Mal dieselbe Aufgabe besser lösen zu können, während die Paranoiden davon überzeugt sind, dass sie verflucht sind, in jedem Augenblick fürchterlich missbraucht werden. Das Lernen ist für sie kein positiver und progressiver Prozess, sondern lediglich Ausdruck permanenter Erniedrigung.  

Was zeigt das auf? Ein- und dasselbe Phänomen (negativ bewertete Erfahrungen) werden von diesen beiden Gruppen completely different interpretiert. Der Paranoide, scheint es, erkennt in der Mechanistik der Welt nur ein gnadenloses Uhrwerk, das überdies nicht sinnvolle Zeiten anzeigt, sondern ständig die absurdesten Kapriolen schlägt. Der Uhrmacher dieses Uhrwerks muss demnach ein böser Geist sein, der sich daran erfreut, dass die armen paranoiden Seelen gequält werden.

Dieser paranoide Charaktermensch ist ein professionelles Opfer.

 

(Auch in der anderen Randgruppe, die die Anhänger des strikten Indeterminismus in sich vereint, zeigen sich einige Tendenzen zum Irrsinn: In dieser Ecke residieren häufig Selbstüberschätzung und Größenwahn, Narzissmus und einer Neigung zu Halluzinationen. Diese Gruppe mag außerdem auch eine Tendenz zum Traumdenken aufweisen. Die Halluzinationen lassen sich eventuell begreifen als Surrogate von Trauminhalten im Wachsein. (vom Traum wird noch zu sprechen sein in diesem Aggregat)) 

 

 

Eine besonders extreme und oft auch sehr quälende Form der Fremdbestimmung tritt als Gedankenverlust oder Ich-Verlust in Erscheinung. 

Ich werde niemals den Satz vergessen, den meine Großmutter sagte, als sie nach einem Fieberdelirium im Krankenhaus nach langer Krankheit erwachte und feststellte, dass ihr Erinnerungsvermögen gelitten hatte: 

 

Die haben mir meine Gedanken gestohlen. 

 

Mit Die meinte sie offenbar die Viren, die ihre Krankheit bewirkt hatten, aber ganz sicher lässt sich das nicht mehr sagen.

Sie bemerkte offenbar, dass sie nicht mehr so klar denken konnte wie vor der Krankheit, aber was genau der Unterschied war, konnte sie doch nicht mehr sagen. 

Auch schon in vorangehenden Jahren hatten sich in ihrem Erinnerungsvermögen Lücken gezeigt und Fehlerinnerungen gehäuft: Von einer Brosche etwa, die nachweislich ihr gehörte und sich nicht verändert hatte, was auch Fotos bewiesen, behauptete sie beharrlich, es sei eine falsche Brosche – nicht die, die sie früher getragen hatte. Sie war, meinte meine Großmutter, ausgetauscht worden, durch eine billige Pseudokopie ersetzt worden. 

 

Aber nicht erst in den Neunzigern des Lebens werden Gedächtnislücken erkennbar. Auch bei mir gehen jeden Tag Erinnerungen verloren oder werden auf mitunter groteske Weise manipuliert, und bei Ihnen wird es vermutlich nicht anders sein. Der Geist ist weniger verlässlich als die Realität bzw. das, was man beweisen kann anhand von beispielsweise Fotografien oder Notizen.  

Was aber veranlasst den Geist, die vergangene Wirklichkeit zu beugen, ihr ein neues Gesicht zu verleihen, sie zu einer Art Fantasie zu machen und dennoch darauf zu vertrauen, dass sie die Realität korrekt wiedergibt? Ist das Speichermedium aufgrund seiner biologischen Struktur unzulänglich? Ist diese Gehirnhardware noch primitiv, kann erst ein Speichermedium wie in einem Computer beispielsweise Bilder oder Filme zuverlässig, das heißt absolut identisch abspeichern? (ein Thema, das in Aggregat 6+7 erneut aufgegriffen werden wird)

 

Es kann nicht schaden, sich in noch jungen Jahren klar zu machen, dass der eigene Geist eines Tages beginnen wird, in einem Maß löchrig zu werden, dass es auch anderen auffällt – und das wird schmerzen. Man kann sich dagegen wappnen, nicht paranoid zu werden wie einige Charaktere, die in solchen Momenten der Erinnerungsschwäche eine verzweifelte Suche nach dem Schuldigen beginnen. Die es nicht glauben mögen, dass der eigene Körper – und mit dem Körper der Geist – degeneriert, obwohl es jeden Tag an alternden Menschen exzellent beobachtet werden kann. Diese der Paranoia zuneigenden Menschen trösten sich mit jenem Verantwortlichen, jenem Quälgeist, der sie verwünscht. Er hilft ihnen, ihre deprimierenden Defizite zu entschuldigen. 

 

Wie wirst du alt werden? 

Wie wirst du damit umgehen, wenn dein Gehirn zu zerfallen beginnt? Wirst du glauben, dass böse Mächte dich zerstören wollen? Oder wirst du über deine eigenen Fehler und Schrulligkeiten lächeln können?  

 

Als Kind hatte ich manchmal Angst vor dem Schlafengehen. Weil ich nicht abwesend sein wollte im Schlaf. Weil ich fürchtete, mein Ich zu verlieren. Weil ich fürchtete, am anderen Tag ein anderes Ich und einen anderen Geist in meinem Gehirn vorzufinden. 

Dumm bzw. fatal war nur folgende Überlegung: Wie hätte ich das im Falle des Falles dann beurteilen können? Aber ich sah über diese Spitzfindigkeit großzügig hinweg, weil mir wichtiger war, dass ich den Faden nicht verlieren durfte - der Verlust des Gedankenfadens wurde von mir empfunden als kleiner Tod. Ganze Nächte habe ich deswegen als Junge durchwacht, nur weil ich verhindern wollte, dass der Geist sich selbst im Schlaf verlorengeht und ich eventuell als ein anderer aufwachen könnte/konnte (zudem wollte ich gewiss auch meine Wachkondition erproben).

 

Was, wenn es so geschehen wäre? Der streng Paranoide kann nicht einmal das ausschließen. Er kann aufwachen mit gefälschten Erinnerungen, kann sogar mit einem gefälschten Ich und in Wahrheit ein Anderer sein. Wie soll er das prüfen können? Wie soll man ihm das Gegenteil beweisen?

Ein Beispiel mag hier hilfreich sein: Was sagten Sie dazu, wenn über Nacht jemand ihren Hund mit einem anderen ausgetauscht hätte und zugleich in ihren Erinnerungen neue Erinnerungsbilder platziert hätte, nämlich die mit dem neuen Hund? Sie haben keine Chance!  

Wiewohl das auch noch weiterreichende Probleme mit sich bringt: Viele dieser Erinnerungen sind mit den Erinnerungen anderer Leute verknüpft, man könnte Sie fragen, wieso Sie nun einen neuen Hund haben, und sie würden sich wundern über diese merkwürdige Aussage, ja womöglich in einen Streit geraten und beharren: Was willst du? Ich habe schon immer diesen Hund? 

Wollte also der böse Trickser Sie ausschmieren und ihre Erinnerungen umprogrammieren, ohne dass Sie es merken, dann müsste er auch viele Erinnerungen von anderen Menschen umdesignen: Sie sehen, wie die Komplexität der Manipulation in solch einem Fall zunimmt! 

Eine paranoide Welt muss folglich eine sehr komplexe Welt sein, möchte man schlussfolgern. Wenngleich auch dieses Argument hinkt, weil die Erinnerungen verschiedener Menschen an ein- und dasselbe Ereignis oft deutlich voneinander abweicht, und das ganz ohne Neigung dieser Menschen zur Paranoia. 

(Der streng Paranoide könnte dies sogar als Beweis seiner Theorie einer permanenten Verschwörung bewerten.)  

 

Das ist das Verblüffende an der Paranoia: Sie ist nicht widerlegbar, funktioniert ideal als selffullfilling prophecy. Sie mag zwar sehr unwahrscheinlich sein als übergeordnetes Schema, als Weltgesetz, aber der Gegenbeweis kann nicht erbracht werden – solange man die Maxime vertritt, die ich hier vertrete: Dass der Geist sich im Hierundjetzt ereignet. Das Vergangene ist vergangen und kann nicht restlos transparent gemacht werden. Selbst eigentlich neutrale Beweismittel können gefaked werden: Denken Sie nur, nach Schätzungen sind 40 Prozent der berühmten Gemälde Kunstfälschungen! Der Paranoide kann sich immer darauf berufen, dass man ihn austricksen wollte, und wer wird ihn vom Gegenteil überzeugen können, wenn wir zugeben müssen, das ständig manipuliert und getrickst wird? Er wird, so sehr er sich auch bemüht, niemals eine vollständige Überprüfung der Fakten vornehmen können, wie auch die Gesellschaft sich nicht klar werden wird darüber, welche Bilder von Magritte oder Picasso gefälscht sind; es muss bei wenigen Stichproben im Verdachtsfall bleiben, und auch diese Analysen können kann sehr umstritten sein; wahr oder falsch zu trennen, das könnte nur einer wie Gott, einer jenseits des Universums.

Ein Außenstehender.

 

 

Wie löchrig mein Geist sein kann, stelle ich auch dann immer wieder fest, wenn ich Einträge in meinen Tagebüchern lese. Die Grenzen meines Erinnerungsvermögens werden mit jedem Jahr enger. Ich lese dann die Geschichten, die ich vor fünfzehn Jahren gewisslich nicht erfunden habe, aber heute wie die eines mir völlig fremden Menschen oder als pure Fantasie empfinde, und das, obwohl sie noch keine zwanzig Jahre vergangen sind!? Warum kann ich mich an viele der darin erwähnten Personen nicht mehr erinnern? Warum sind mir die Orte so fremd geworden? Warum kann ich meine Verhaltensweisen von damals nicht mehr als sinnvoll erkennen? War ich wirklich solch ein Naivling, solch ein Idiot? Wie ein Traum nach dem Aufwachen verblasst, so verblasst auch meine Erinnerung an die Vergangenheit.

 

Ich frage Sie: 

Ist auch das Ich immer nur das, was da ist? 

Ist mein Ich vielleicht wirklich nicht konstant mein Ich, so, wie mein Geist ausschließlich im Hierundjetzt existiert?

Ist mein Ich nicht meine Person, sondern nur das, was gerade da ist? Sozusagen ein Selbstzweck? Ist es pur existent, wie dieser Körper gerade pur existent ist? Und wie die Empfindungen, die in dem Körper sind, wie die Wahrnehmungen, die dieser Körper haben kann?

Und morgen, wenn ich in der Nacht eine Gehirneinblutung hätte, wäre mein Körper weniger ideal konfiguriert, und mein Ich wäre dann gewiss ein anderes, nur – wie sollte ich das dann beurteilen können, wenn Areale in meinem Gehirn betroffen sind, die beispielsweise nur mit der Erinnerung an Erlebnisse verbunden ist? Wie würde ich dann zu diesem Text hier stehen? Würde ich vielleicht glauben, dass nicht ich ihn geschrieben haben kann, weil mir hieran die Erinnerung fehlt? 

 

Aber ich hätte doch noch immer ein Ich, nicht wahr? Deshalb läuft es auf folgende Formel hinaus: 

Ich ist das, was gerade da ist. 

 

 

Es gibt auch noch merkwürdigere Formen des Ichs und des Geistes. Eine anderer, sehr spannender zerebraler Modus ist der des Traums. Wie funktioniert diese Variante? Welche Identität ist darin eigentlich aktiviert? 

Ich beginne mit einem beispielhaften eigenen Traum, der mich nachhaltig verblüfft hat: 

Ein halbes Jahr nach der Trennung von der Frau, die mir mehr bedeutet hatte als jede andere, die ich auch für ihr physische Erscheinung gleichsam angebetet hatte, hatte ich das Vergnügen, im Traum diese geliebte Frau zu sein. Ich ging mit ihrem Körper an einem Strand entlang, suchte Muscheln im Sand – und es war sie, die diese Muscheln suchte. Ich sah an meinem=ihren Körper herab, und es war ein ganz normaler Körper und nicht der, der mir zuvor so königlich-erhaben erschienen war.

(Wodurch mir bewusst wurde, dass das, was ich angebetet hatte, für sie etwas völlig normales ist – eine Selbstverständlichkeit, gewiss, eine böse Redundanz – aber ich in meiner Verliebtheit hatte es dennoch anders empfunden) 

Ich dachte in diesem Traum auch Gedanken, die weit eher ihre Gedanken waren als meine, ihre Lebenswirklichkeit wiedergaben und nicht meine: Einmal dachte ich sogar an mich. Sah mein Gesicht, aber sah es von außen, als wäre mein Gesicht das des Mannes, den sie kennengelernt hatte - nicht meines. Und die Illusion hielt an, bis ich erwachte. 

Was ich daraus lernte: Dass es möglich ist, ein anderes Ich im Traum glaubhaft zu simulieren. Eine Art Maskerade, ein Verkleidungsspiel: Ich war im Traum wie ein Schauspieler, der eine fremde Rolle übernahm und beim Schauspielern ganz vergaß, wer ich eigentlich war: nur noch Rolle war, zur Gänze in der Illusion aufging. 

 

Wiewohl ich das Geschehen auch esoterisch-spirituell deuten könnte: Als hätte sie im Traum mir ihren Geist aufgeschaltet! Und das argwöhnen ja einige von den Träumen: Dass dort die Menschen auf eine noch wenig erforschte Weise miteinander interagieren. Wie wäre das: Wenn ich im Traum Sie sein könnte, und Sie wären ich? Was, wenn wir unsere Träume tauschen könnten? 

 

Schrullige Fantasien, gewiss. Aber eine sinnvolle Frage findet sich auch in diesem bunten Fabelstrauß: Welches Ich habe ich in meinem Traum, wenn ich träume ein anderer zu sein? Oder was für ein Ich habe ich, wenn ich mich im LSD-Rausch in ein wildes grünes Monster verwandelt habe und als eben dieses Ungeheuer durch die Straßen nach Hause irre? Mein Ich? Nur eben mit ganz anderen Wahrnehmungen? Gefaketen Wahrnehmungen wie etwa einem Monsterkörper oder dem Körper der/des Geliebten?

 

Was passiert im Traum? Man arbeitet auch Außenreize in den Traum ein, wie viele Versuche erwiesen haben. Sowie Körperinnenreize. Des weiteren wirken auch Träume psychosomatisch: Der Herzschlag ändert sich und auch die Atmung.  

 

Träumen Insekten? Kann der berühmte Denkspruch-Schmetterling wirklich davon träumen, ein Mensch zu sein? Die Forschung geht davon aus, dass erst ab der evolutiven Organisationshöhe der Reptilien der Traum als Phänomen beobachtet werden kann. Will heißen, dass erst im Reptilienhirn die Areale des Traums entstanden: Weshalb man, wie Psychologen und Traumforscher geschlussfolgert haben, im Traum auch oft reptilien-like träumt, also sehr triebhaft und mit deutlich verkürzten Gedanken.

Entscheidungen im Traum? Selten haben Sie lange Zeit zum Überlegen, nicht wahr? Sie müssen sie in der Regel sofort treffen. Der Traum ist sehr momentorientiert, langfristige Planungen kann niemand anstellen, wohl auch, weil die Traumereignisse eine hohe Taktfrequenz haben, weil das Neue im Traum inflationär ist, die Träume verlangen von Ihnen Reflexe. 

 

Und apropos Freiheit: Nicht einmal im Traum sind Sie frei, und Sie wollen es eigentlich auch gar nicht sein – oder? 

 

Bei mir jedenfalls ist das der Regelfall. Es sei denn, ich gerate in eine dieser iterativen Endlosschleifen, dann ergeht es mir ähnlich wie der Sphex-Grabwespe. Ich träume dann immer wieder den Traum, Basketball spielen zu müssen und hunderte Versuche zu machen, um den Ball in den Korb zu platzieren, und niemals bin ich erfolgreich. 

In solchen Momenten wünschte ich mir, die Träume steuern zu können, in neue Bahnen lenken zu können. Meist jedoch liebe ich das Unvoraussehbare an ihnen. Wenn man sie versucht zu steuern wie etwa in Tagträumeb, sind sie oft hybrid, öde. 

 

Und beim erotischen Träumen, werden Sie fragen. Richtig, auch ich hatte erotische Träume, aus denen ich zu früh erwachte. Eine lange Zeit litt ich im Traum unter vorzeitigem Aufwachen – traurig erwacht versuchte ich dann, mich noch einmal in diesen schönen Traum zurückzufliehen, aber da war es zu spät, denn nur die Illusion von Echtheit verleiht dem Traumerlebnis seine Qualität. 

Warum? 

Ich nehme das folgende an: Weil der Traum nur dann als absolut echt empfunden wird, wenn er unvorhersehbar ist. Ist man erwacht, hat der Traum lediglich den Charakter einer Fantasie, einer Wunschvorstellung. Der Traum hingegen, wenn er eigendynamisch und nicht vom Willen selbst gelenkt wird, birgt die Möglichkeit der Überraschung. Und damit auch: der negativen Überraschung, also: der Enttäuschung.

Erst die Chance, enttäuscht zu werden, verleiht den Träumen den Charakter der Echtheit, der Lebendigkeit. Erst dadurch kann Spannung entstehen – wären Sie gespannt, wenn Sie zum Beispiel die Aufzeichnung eines Fussballspiels sich ansehen und vorher schon das Ergebnis kennen? 

 

Immer wieder gerne wird über die Gabe des Klarträumens gesprochen. Manchmal findet auch der Ausdruck des luziden Träumens Verwendung Solche Träume unterscheiden sich wenig von den Vorstellungen im Kopf eines kreativen Schriftstellers, der seine Geschichte ausformuliert. Die meisten erklären, beim Schreiben oft Wege einzuschlagen, die vorher nicht geplant gewesen waren. Sie gingen mit in eine Richtung, die der Text ihnen aufzeigte, vertrauten ihrer Intuition – und erlebten dabei die eigene Geschichte auch wie ein Abenteuer; und wie einen Traum!

Versuchen Sie es doch einmal selbst. Wachträumen ist wirklich nicht sehr schwer: Schließen Sie die Augen und denken Sie an das Haus oder die Wohnung ihrer Eltern. Gehen Sie in ihm herum. Was sehen Sie? Sehen Sie Bilder? Eine Kamerafahrt? Haben Sie Emotionen? Ändert sich ihr Atem, ihr Herzschlag?

 

Fantasien wie diese über eine lange Zeit präzise zu steuern, ist allerdings nicht eben leicht. Man verliert die Konzentration, schweift ab. Heftet sich an einem Detail an, kommt nicht los, beginnt in andere Richtungen zu denken. Entweder haften sich die Gedanken an Realem an, werfen Sätze ein wie: Meine Eltern sollte ich mal wieder anrufen, ich habe mich lange nicht gemeldet ... oder aber verselbständigt sich ihre Träumerei, sie verlassen das Haus der Eltern, indem sie sich auf irgendein Detail konzentrieren, vielleicht die Vase ihrer Mutter, die sie ihr geschenkt haben, und nun springen Sie in Gedanken zurück in die Szene, als sie die Vase gekauft haben, vielleicht zusammen mit ihrem Partner, und just bei dieser Gelegenheit hat es einen Streit gegeben, einen von diesen vielen Streiten, sie sich auch in jüngster Zeit häufen – und schon sind Sie wieder aus dieser gesteuerten Fantasie herausgeschleudert worden, zurückgekehrt zu den drängenden Fragen ihrer Gegenwart. 

 

 

Wenn man nun Nachttraum mit Tagtraum vergleicht, liegt es nahe, auch einmal die Meditation mit dem Schlaf zu vergleichen. Leider habe ich im Moment keine verlässlichen Studien zur Hand, in denen Meditierende und Nachtschläfer hirngescannt wurden, um die Daten zu vergleichen, aber ich bin mir sicher, dass es wissenschaftlich ergiebig wäre, en detail zu erforschen, welche Meditationsform mit welcher Schlaf- oder Traumphase am ehesten kongruent ist. 

Klar ist: Der Träumer hat in den meisten Fällen ein Traum-Ich oder eine Art zersplittertes Ich, das schnell die Rollen wechseln kann. Im Tiefschlaf hingegen ist die Gehirnaktivität zumeist sehr gering bzw., wie Gehirnforscher herausgefunden haben, sehr regelmäßig, während die Nervenimpulse tagsüber eher unregelmäßige Strukturen aufweisen. Was folgende Frage aufwirkt: Wo ist der Geist im Tiefschlaf? Ist der Hypnos tatsächlich der kleine Bruder des Thanatos, stirbt in jeder Tiefschlafphase der Geist einen Tod? Erwacht er in jedem Erwachen neu zum Leben? 

Gibt es folglich eine Art Pausetaste des Geists? 

Ist er wie ein Computer, der hin und wieder auf Standby geschaltet werden muss? Und falls er doch einmal gezwungen wird, ununterbrochen zu arbeiten – könnte das tödliche Folgen haben, wie Schlafentzugsexperimente in den Laboren von Folterregimes erwiesen haben? Schlafen wir also nicht nur, um den Körper zu regenerieren, sondern auch, um den Geist anzuhalten? Oder bedeutet beides dasselbe? Ist Geist prinzipiell ein Modus, der den Körper aufzehrt? 

 

(Und beobachten auch Sie, dass ihr Computer, je länger er läuft, immer langsamer wird? Schon von einfachen Aufgaben überfordert wird? Ist das lediglich ein Microsoft-Phänomen, dass einen Dauerbetrieb – länger als 24 Stunden – eigentlich unmöglich macht, wie ich es bei meinen sieben windowsbasierenden Rechnern erlebt habe, oder gehorchen auch PCs dem Erschöpfungsprinzip?) 

 

Meditationskünstler berichten immer wieder von dem großen Erholungsfaktor ihrer Übungen. Interessant, dass etwa manche tibetische Mönche beim Meditieren eine Art Mantra immer und immer wieder vor sich hersagen: 

 

Wenn da ist kein Wort und auch kein Ton. 

 

Sie üben sich folglich im Nichtdenken, im Ausstellen des Geistes, im Aktivieren des Standbymodus. Indem sie diese Mantraworte aufsagen, denken sie allerdings, womit sie dem Inhalt der Worte widersprechen. Selbst wenn sie dieses Mantra nur noch unhörbar leise murmeln, bleibt es bei einer rudimentären Form von Denken, von Worte-im-Geist-stammeln. Erst, wenn sie gewissermaßen von innen, von selbst das beherzigen, was die Worte meinen, also ihren Geist abschalten, haben sie ihr Ziel erreicht: Sie sind an dem Ort angelangt, an dem keine Worte mehr sind (keine Geisttätigkeit also) und auch kein Ton (also keine Außenwahrnehmung).

Solch ein Zustand mag meiner (unmaßgeblichen) Prognose nach dem des Tiefschlafs nahe kommen. Wenn man diesen schlussendlich erreicht und pflegt, wird man sich danach erholt fühlen. 

(Wiewohl die Meditationslehrer betonen, dass sie definitiv nicht schlafen und auch ihre Schüler stets davor warnen, nicht aus Versehen in den Schlaf abzugleiten.) 

 

 

Die Buddhisten, die wohl am intensivsten die Effekte der Meditation auf die Perzeption und das Bewusstsein erforscht haben, geben übrigens eine frappierend einfache und überzeugende Erklärung für all diese Geistesphänomene: Eine ihrer zentralen Lehren ist die von der Ich-Illusion. Das Ich ist demnach nur eine Frage der Perspektive. Wenn man die Perspektive verändert, aus dem Körper bzw. der Situation befreit (z. B. mittels Meditation), kann man sich eine neue Dimension von Geist erschließen.

Und eine Art Erleuchtung erfahren. Wer in dieser Erleuchtung aufwacht, befindet sich plötzlich in einer nächsten Ebene der Wirklichkeit. Ja, das ist das Bild: So, wie der Träumer aus der wildbunten Traumwelt aufwacht und sich in einer strukturierteren und berechenbareren Wirklichkeit wiederfindet, kann auch der wache Mensch noch ein weiteres Mal erwachen in einer Welt, die man eventuell Überwirklichkeit nennen könnte.

 

Wenngleich der Begriff Überwirklichkeit wohl im ersten Moment an den Surrealismus denken lässt, wie ihn André Breton 1924 in seinem ersten Manifest des Surrealismus definiert hat. Breton wollte die bisher widersprüchlichen Bedingungen von Traum und Wirklichkeit in einer absoluten Wirklichkeit, in einer Suprawirklichkeit auflösen. Surrealismus heißt soviel wie jenseits des Realismus. Breton versuchte, die rationalen Anschauung zu relativieren und das Wissen von den irrationalen, archaischen Beziehungen zu befördern. Jenseits der Dingwelt entwarf er somit eine Superwirklichkeit, in der das vertraute, von der Vernunft gesicherte Weltbild aufgelöst wurde.

 

Die Surrealisten nahmen während ihrer Experimente Drogen, sie versuchten das umzusetzen, was Rimbaud fünfzig Jahre zuvor vom Dichter verlangt hatte: Das Entgrenzen aller Sinne und Wahrnehmungen. Sie ließen sich inspirieren vom Chaos dieser drogeinduzierten Fantasien und suchten die wahren Strukturen hinter der üblichen gedanklichen Ordnung, indem sie die Dekonstruktion des Bewusstseins versuchsweise vorantrieben. 

Wobei sie sich oft in den psychotischen Abgründen verirrten, die Struktur, die sich ihnen zeigte, war oft nichts anderes als permanentes Chaos. Die LSD-Forschungsschriften berichten von ähnlichen Effekten. Interessant ist in diesem Zusammenhang, was das Grün-Alternative Jugendbündnis in seiner LSD-Broschüre subsummiert hat: 

 

Während bei einer angstvollen Ich-Auflösung ("Horrortrip") beobachtet werden konnte, daß das Großhirn von tieferen Strukturen wie den Basalganglien entkoppelt wird, wurde bei der positiv erlebten ozeanischen Selbstentgrenzung eine Überaktivierung des Stirnhirns aufgezeichnet, die einzelnen Hirnregionen spielten aber noch geordnet zusammen. Der thalamische Filter wird geöffnet, was zu einer stark vermehrten Reizeinspeisung führt: Sinnesinformationen werden dann nicht mehr fortlaufend mit Gedächtnisspuren verglichen und damit sinnvoll interpretiert, was zu einer fundamental veränderten Ich- und Umwelterfahrung führt. Im Extremfall, bei sehr hoher LSD-Dosierung, erlebt das Gehirn dann die Welt nur noch in einzelnen Bildern ohne Zusammenhang beziehungsweise mit veränderter Bedeutung - oder als ein unermeßlich fließendes Ganzes, als einen Strom innerer Visionen.  

 

Diese psychonautischen Erlebnisse von dem unermesslich fließendem Ganzen, dem Strom innerer Visionen erinnert an manche meditative Übungen, wie sie asiatische Mönche praktizierten. 

Auch Buddha soll über viele Jahre hinweg meditiert haben, bevor er zum Begründer der buddhistischen Lehre wurde – seine Lehre lässt sich auch als das Resultat ergiebiger meditativer Übungen deuten. 

Es klingt merkwürdig, dass die Buddhisten ihre Lehren über den Geist bisweilen als geheim bezeichnet haben, da dem Buddhismus von seiner ersten Stunde an wenig Gnostisches oder Geheimbündlerisches anhaftet. Und wenn man es genau nimmt – wie kann der Geist eigentlich geheim sein, wenn jeder ihn besitzt?

Aber genau das ist die Pointe: Wiewohl jeder einen Geist besitzt, ist es gleichfalls so, dass der Geist gewissermaßen ihn selbst besitzt. Kurzum, die Buddhisten begreifen den Geist als geheim in sich selbst, weil es sehr schwer ist, ihn neutral von außen zu betrachten. Weil er kein Ding ist, weder Farbe, Form, Größe noch Geschmack hat. Und obwohl er nicht zu lokalisieren ist, dennoch die Grundlage allen Erlebens ist. Der Geist, der durch die Augen schaut, durch die Ohren hört, der erfährt und versteht, ist sich aller Erfahrungen bewusst, ohne dabei sich selbst zu sehen. Nur im Zustand der Meditation kann er seine wahre Natur begreifen. Man spricht in diesem Zusammenhang von dem Auge, das in den Spiegel schauen muss, um sich selbst in seiner Gestalt erfassen zu können.

 

Wenn der Meditierende den Zustand der Erleuchtung erreicht hat, begreift er, dass der Geist sich normalerweise, also im üblichen Wach-Modus, als Ich (als Subjekt, oder Gefäß) erlebt, während das Erlebte zum Du oder etwas anderem (als Objekt, oder Inhalt) metamorphiert. Sobald man dann aber versucht, dieses Ich zu lokalisieren, ist es weder im Körper noch in den Gefühlen noch in den Gedanken zu finden.

Der Erleuchtete erfährt, dass man nur einen Strom von Gedanken, Gefühlen und Eindrücken vorfinden kann, der ständig in Veränderung begriffen ist; dass die Vorstellung eines Ichs irgendwann in seiner Kindheit zur Grundlage aller Erfahrung geworden ist, zu einer Art Credo – und in diesem Moment ist die Ich-Illusion und selbiges Credo aufgehoben und der Erleuchtete befreit von seinem Ich.

Er steht nun – der buddhistischen Lehre gemäß – jenseits der dualistischen Sichtweise, jenseits der Pole des Angenehmen und Unangenehmen, hat die permanente Verwirrung aufgelöst, die Freude und Leiden bewirken. 

 

Wenn er nun etwas Negatives erfährt, etwa eine Krankheit, so erlebt er diese als einen Schmerz – aber nicht mehr länger als Leiden. Es gibt keine Schuldigen mehr, und es gibt keine Schuld, weder eigene noch von außen kommende. 

 

In den Lehren der deutschen Buddhismus-Schule werden drei Formen von Leiden unterschieden, die man überwinden kann: 

 

  1. Das Leid des Leidens. Gemeint ist Krankheit, Tod von Angehörigen und Freunden, Trennung, Verlust, Entbehrung von Ersehntem

  2. Das Leid der Veränderung. Ist oftmals positiv konnotiert, da durch die ständig ändernden Lebenslagen keine Langeweile aufkommen kann. Wird oft sogar mit Glück gleichgesetzt – sobald aber versucht wird, einen angenehmen Moment festzuhalten, ist Leiden schon programmiert. So sehr wir es auch wünschen – nichts kann dauerhaft bleiben, jede Situation und jeder Zustand löst sich wieder auf. Andauerndes Glück ist hier nicht zu erreichen.

 

Die dritte Form des Leidens subsummiert die Buddhismus-Schule wie folgt, es ist das Leid der Bedingtheit: 

 

Die dritte Form des Leidens wird von den meisten Menschen nie entdeckt, da man mit den beiden ersten zu beschäftigt ist. Es ist die Tatsache, dass der Geist fast immer verschleiert ist und wir daher keinerlei Kontrolle über unser Leben haben. Dieses Leid der Bedingtheit bedeutet, dass im Kreislauf der bedingten Existenz in der einen oder anderen Form immer nur Leid erfahren wird und dass im Vergleich zu unserem wahren Wesen, der Buddha-Natur, selbst die angenehmsten Zustände, die wir kennen, leidvoll sind. Die Freude der Erleuchtung reicht weit über alle bedingten Glückszustände hinaus.

 

Mich hat die Schlichtheit dieser Ausdeutung überzeugt: Dass das Leid auf dieser Stufe nur die Kehrseite des Glücks darstellt. Der Buddhist hingegen versucht das dauerhafte Glück zu finden. Was zauberhaft und unerreichbar zu sein scheint, muss nicht unmöglich sein, erklären die Buddhisten. Nur ist dieses Glück eines, das man sich anders vorstellen sollte als das Kurzzeit-Ekstase-Glück, dem die westliche Welt gerne hinterherrennt, als Kick.

Sobald man den Zustand der Erleuchtung geschafft hat, wird der Illuminierte selbst den angenehmsten Zuständen nicht vertrauen können, weil sie vergänglich sind. Er erreicht gewissermaßen eine Gefühlstranszendenz, und auch eine Hormontranszendenz, er ist erhaben über diesen schnellen Schwingungen, in die ihn das Leben versetzt.

Letztendlich ist in seiner Vorstellung von der Welt und dem Leben nur auf dauerhafte Werte wirklich Verlass. Womit nicht gemeint ist, dass man bedingte (Kurzzeit-)Freuden ablehnen müsse; es geht vielmehr um eine Veränderung der inneren Haltung gegenüber dem relativen Glück. Statt von dem Extrem der Anhaftung in das andere Extrem der Entsagung zu wechseln, wählt man den mittleren Weg und genießt, ohne an dem bedingten Glück zu haften.

Wenn man diese Perspektive wählt, wird die buddhistische Lehre auch west-kompatibel. Niemand verlangt eine asketische Lebensweise, es geht um die Transzendenz des Geistes, das Erreichen eines neuen Niveaus in der Existenz. 

 

 

Was die Erleuchtung angeht, unterscheidet man im Buddhismus in der Regel zwei verschiedene Stufen. 

 

Dass Körper, Gedanken und Gefühle in ständiger Veränderung sind und deswegen kein wirkliches Ich bilden können, wird Befreiung genannt. Indem man die zwanghaften Vorstellungen einer festen Identität aufgibt, erlebt der Geist einen zutiefst entspannten Zustand inneren Friedens. Das ist das Ziel des Theravada-Buddhismus und gilt als kleinere Erleuchtung, da diese Erfahrung nur zum eigenen Nutzen erlangt wird. Man hat sein eigenes Leid überwunden, ist aber noch passiv.

 

Wenn man aktiv werden will, muss man seine Erleuchtung auch noch auf die äußere Welt ausdehnen. Es gilt, auch die Illusion in Bezug auf die äußere Welt zu beseitigen. Wem das gelingt, der erlangt den Zustand der Allwissenheit eines Buddhas.  

Das wird dann gerne auch Großer Weg sowie Diamantweg genannt. Zentraler Kern ist, wie man bei der Schule des Buddhismus lesen kann, folgendes:

 

Hat man auch den eigenen Geist als Raum-Offenheit verstanden, wird man völlig furchtlos und erlebt sich nicht mehr als Zielscheibe von Angriffen. Auf dieser Basis wird der weitere Weg zur vollen Erleuchtung beschritten.

(...) 

Sowohl Großer Weg als auch Diamantweg beschreiben das kleine Nirvana als einen freudvollen Zustand, der mit der Befreiung vom zwanghaften Festhalten an der Vorstellung eines wirklich existierenden Ichs einhergeht. Mit dieser Illusion überwindet man gleichzeitig den geistigen Schleier der Störgefühle. Erst nach dieser Erfahrung besitzt man den Mut und das Vertrauen, alle vorgefassten Meinungen und weiteren begrifflichen Schleier des Geistes zu überwinden. Nachdem gefühlsmäßige und begriffliche Schleier durch Meditationstraining entfernt wurden, offenbart sich die Weisheit eines Buddhas als zeitloses Wesen des Geistes ohne Anfang oder Ende, ohne Mitte oder Grenze. In diesem großen und unübertrefflichen Nirvana zeigt der Geist seine volle Kraft im spontanen Ausdruck seiner erleuchteten Aktivität.

 

Der Begriff des Nirvana wurde im Westen oft zu fassen versucht, bis heute gibt es viele strittige Interpretationen, die eine fröhliche Koexistenz führen. Eines jedenfalls ist Nirvana definitiv nicht: Nirvana lässt sich nicht gleichsetzen mit Todsein, sondern weit eher mit Erkenntnis. Der Erleuchtete vermag sich – zum Beispiel mittels Meditation – in den höheren Zustand begeben, in dem er gewissermaßen am Nirvana teilhat. 

 

Die buddhistische Lehre läuft also auf folgendes Ziel hinaus: Jegliche Trennung zwischen Erleber, Erlebnis und Erlebtem aufzulösen. Die bedingten Zustände der Wesen, die in Ich-Illusion leben, ebenso klar ersichtlich zu erkennen wie ihr eigentliches Buddha-Potenzial.  

Der Buddhist strebt an, eine grenzenlose Freude jenseits von Hoffnungen und Befürchtungen zu spüren, die jeden Augenblick zum einzigartigen Erlebnis werden lässt, bei dem sich die selbst entstandenen Fähigkeiten und Qualitäten des Geistes mühelos und spontan zeigen. Innere Erfahrungen und äußere Welten sind im Geist enthalten, ähnlich wie die Wellen im Meer auftauchen und untrennbar mit ihm verbunden sind. Frei von Störgefühlen und festen Konzepten erweist sich jede Erfahrung als Ausdruck der Klugheit und Klarsicht des Geistes, während alle Aktivitäten andere auf die Möglichkeit der eigenen Erleuchtung aufmerksam machen.

Erst jenseits von dualistischen Vorstellungen zeigt sich die höchste Wahrheit als höchste Freude. Bei dieser definitiven Erleuchtung kommen Allwissenheit, selbst entstehende Freude, tatkräftige Liebe und aktives Mitgefühl in ungehinderter und grenzenloser Weise zum Vorschein. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Conclusio: 

 

Von allen großen Religionen der Gegenwart ähnelt das buddhistische Modell der Welt dem wissenschaftlichen Weltbild unserer Zeit am ehesten. Insbesondere folgender Leitsatz ist augenfällig: 

 

Es gibt nichts Böses in der Welt, es gibt nur Unwissenheit. 

 

Das lässt sich gut mit dem wissenschaftlichen Suchen nach Erkenntnis in eins setzen. 

Das, was dem Leiden zugrundeliegt, ist nichts Böses oder gar Teuflisches, auch keine Strafe im christlichen Sinn oder Folge von Sünde – sondern nur Unwissenheit betreffs der Natur des Geistes und der Ursache-Wirkungs-Prozesse, in denen wir uns eingebunden finden. 

Hinzu kommt die Uninspiriertheit des Buddha: Er betonte stets, nur eine Idee zur Lehre gemacht zu haben, die aus der intensiven Erforschung des eigenen Denkens resultierte. Er wollte aus seinen Erkenntnissen kein Dogma machen und die Lehre immer offen halten für neue Erkenntnisse. 

 

 

Wie verträgt sich nun das buddhistische Weltmodell mit dem der beiden Idealen Welten? Wo ist es einzuordnen? 

 

Obwohl Buddha sehr deutlich das Ich als Täuschung enttarnt hat und auch den Geist gerne als offenes Spiel von geistigen Kräften begriff, ging er doch immer von einem freien Willen des Einzelnen aus. So wird der Begriff des Karma auch in den buddhistischen Lehrbüchern von heute klar vom Schicksalsbegriff getrennt. Nach Buddhas Aussage sind weder ein Schöpfergott noch eine äußere Ursache für unsere Erlebnisse verantwortlich. 

 

Der Buddhist sieht in den Erklärungen über Ursache und Wirkung die Grundlage zu persönlicher Freiheit und universeller Verantwortung gegenüber allen Lebewesen. 

 

Es sind andere Philosophien, die das Spektrum der Idealen Welten abdecken: 

Hier der Fatalismus, dort der Voluntarismus.

 

Der Fatalismus wird unter anderem von einigen Strömungen im Islam vertreten. Hier ist das Schicksal bereits präfiguriert – wenngleich nicht alle islamischen Gelehrten diesen Fatalismus zur offiziellen Lehre machen wollen. Generell tun sich Religionen schwer, einen strikten Fatalismus zu proklamieren, solch eine Geisteshaltung könnte allzu schnell die Lethargie des Kollektivs befördern, was expansionistischen Bestrebungen, wie sie die meisten Religionen verfolgen, zuwiderläuft. 

(Gelegentlich bedienen sich Sekten dieser Philosophie, vornehmlich solche, die an eine Finalität der Geschichte bzw. der Menschheitsgeschichte glauben, an ein Jüngstes Gericht oder eine Apokalypse) 

Im politischen Sektor hat in jüngerer Zeit insbesondere ein Politiker versucht, Schicksalsbegriffe zu instrumentalisieren: Adolf Hitler, der von der Vorsehung sprach und damit an die alttestamentarische Bibeltradition anknüpfte, wo Propheten die Zukunft ausdeuteten (z. B. die biblische Ankündigung eines Erlöser-Messias).

Auch Hitler sah sich als eine Art Auserwählten, und das deutsche Volk war das auserwählte Volk: Das auserwählte Volk der Geschichte, nicht unbedingt Gottes; vielleicht auch die ausgewählte Herrenrasse im Darwinschen Sinn. Hitler verquickte somit Fatalismus mit Darwinismus – wobei er darauf verzichtete, eine Erleuchtung oder Weisung Gottes erhalten zu haben, ebensowenig stilisierte er sein Buch Mein Kampf als heiliges Buch; vielmehr begriff er sich selbst als Mensch als das auserwählte Schwungrad, das der Geschichte eine neue Richtung geben sollte, einen neuen Drive zur Vervollkommung auch der genetischen Struktur.

 

 

Auf der anderen Seite dieses Spektrums steht der Voluntarismus. Einer der bedeutendsten Vertreter war Arthur Schopenhauer, der in seinem 1819 erschienenen Werk Die Welt als Wille und Vorstellung (1819) dieses Ideengut in die Debatte pushte. Schopenhauer entfaltete ein groß angelegtes System seiner voluntaristischen Metaphysik. Diese ist pessimistisch und empirisch zugleich. Er stützt sich unter anderem auf Platon, Berkeley, Hume, Kant und auf die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit, aber auch auf die sog. Upanischaden. Sein Buch ist beeinflusst vom buddhistischen Denken, was in dieser Form ein Novum war in der deutschen Philosophie. Schopenhauer bezeichnete sich selbst als den ersten Buddhaisten Europas.

Doch obwohl Schopenhauer den Willen in den Vordergrund stellt, zeigt er auch die Grenzen des selbigen auf. Was er einmal wie folgt pointierte:  

 

Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber kann nicht wollen, was er will. 

 

Eigentlich ein Paradoxon erster Güte. 

Und auch darüber hinaus erscheint beispielsweise der Charakter bei dem Pessimisten Schopenhauer oft als ein Charaktergrab der Freiheit:

 

"Daher kommt die wunderliche Thatsache, daß Jeder sich a priori für ganz frei, auch in seinen einzelnen Handlungen, hält und meint, er könne jeden Augenblicke einen andern Lebenwandel anfangen, welches hieße ein Anderer werden. Allein a posteriori, durch die Erfahrung, findet er zu seinem Erstaunen, daß er nicht frei ist, sondern der Nothwendigkeit unterworfen, daß er, aller Vorsätze und Reflexionen ungeachtet, sein Thun nicht ändert, und vom Anfang seines Lebens bis zum Ende denselben von ihm selbst mißbilligten Charakter durchführen und gleichsam die übernommene Rolle bis zu Ende spielen muß." - Die Welt als Wille und Vorstellung, Zweites Buch, § 23

 

Luzider wird das Problem beim Betrachten des Denkens der Scotisten in der Spätscholastik. Sie vertraten das Primat des Willens über die Vernunft. Vernunft ist das, was sinnvoll erscheint in einem bestimmten Kontext, also auch der kollektive Kannibalismus der Flugzeuginsassen in den chilenischen Anden. 

Willen bedeutete in diesem Kontext, wenn etwa ein Mann, der verhungern würde, den Körper seines toten Kindes nicht essen wollte, aus moralischen Skrupeln. Ist sein Wille zur Unvernunft größer als die Vernunft in ihm? Erneut stellt sich die Frage der verhinderten Heirat: Nicht Romeo und Julia sind das ideale tragische Liebespaar, weit eher wären es die Liebenden, die sich treffen und doch wieder trennen, obwohl beide wissen, dass sie füreinander bestimmt sind. Die sich trennen, weil sie ihren Willen beweisen wollen; weil sie frei bleiben wollen.

 

Ein Akt der Rebellion? 

Eine maso-maso-Tragikomödie? 

Jetzt, wo ich dies hier formuliert habe, könnte ich mir hierzu durchaus eine schicke Erzählung oder gar einen Roman vorstellen. 

 

(Schreiben Sie ihn, wenn Sie die Zeit und Lust dazu haben!) 

 

Wie kann man Geist einfassen? Ist er privat, persönlich, ichhaft? Ist er allgemein, nackt, immer publik, auch wenn wir glauben, unsere Gedanken wären privat? Kann ein Geist sich, wenn eine Art Geist-Wind bläst, in diesem Wind mit all den anderen Geistern durchbiegen wie eine Ähre im Sommersturm?

 

Es ist legitim, höhere Dimensionen des Geistes zu vermuten.  

 

Oder, als anderes Wort: Geistesverfasstheiten. 

Verschiedene Modi, in denen Geist funktionieren kann: dem Schlafmodus, dem Traummodus, dem Denkmodus, dem konzentrierten-Denkmodus, dem Meditationsmodus, u.w.m.  

 

Klingt das okkult? Vielleicht. Vielleicht auch erst einmal bedrohlich, das wäre verständlich. Wer das Ich als Illusion definiert, erzeugt auf der Seite eines verbissenen Ich-Anhängers große Frustration und vielleicht auch Aggression. Dieser wird dem Ich-Überwinder eventuell Überheblichkeit oder nebulöses Geschwafel vorwerfen. 

 

Es ist indessen auch nicht leicht, diesem Hypergeist-Modell eine verstehbare und zugleich einfache Form zu geben, die nicht gleich Kitsch ist.

 

Ich versuche es einmal mit folgendem Modell: Warum sollte nicht, wenn etwa in unserem Körperinneren (z. B. im Darm) Bakterien mit unserer Zellsubstanz in einer (zumeist) friedlichen Koexistenz sowohl miteinander als auch mit dem Wirt (Symbiose) leben, ein eigenes Milieu schaffen und sozusagen eine Art Zusatzorgan bilden, das insgesamt etwa 3% unseres Körpergewichts ausmacht, das uns beim Stoffwechsel und damit auch beim Überleben hilft – warum wollen wir, die wir dieses uns immanente Bakterien-System als eine eigene funktionable Einheit inmitten des größeren Systems Körper fassen, es nicht für denkbar halten, dass unsere Geister wie diese einzelnen Bakterien Teile sind eines viel größeren Systems, eines großen Geistsystems?

Welches Bakterium würde sagen können: Huch, da gibt’s ja einen Menschen, in dem wir wohnen!? Das Bakterium lebt in seinem Milieu, sein Horizont ist begrenzt. Es ist ein eigenständiger kleiner Körper, der doch in ein Größeres Ganzes integriert, ja eingebettet ist, mit den anderen Bakterien in einer Wechselwirkung steht, die es selbst nicht begreift. Warum sollte unser Geist nicht in einen größeren Geist eingebettet sein? Warum sollte er nicht funktionieren nach noch nicht bekannten Mustern? 

 

Klingt das zu sehr nach Manitu, dem Großen Geist, den die Indianer beschwörten?

 

Folgt man der Evolutionstheorie, haben sich nach und nach verschiedene Stufen der Organisation ergeben: aus Einzellern wurden Mehrzeller, aus Mehrzeller Organismen mit spezialisierten Organen, und aus diesen Organismen schließlich auch Geistgeschöpfe mit der Gabe der Selbstreflexion. Organismen, die in der Lage waren, mittels Technik (und der Knowledge) schöpferisch tätig zu sein bzw. nachzuschöpfen, also das nachzubilden, was sie selbst sind: in der gegenwärtigen Computer- und  Robotertechnologie versucht der Mensch nichts anderes, als das Gehirn sowie den Organismus in neuer Form nachzuschöpfen oder gar zu optimieren.

Man könnte mutmaßen, dass dieser Übergeist erst im Entstehen ist, beispielsweise elektronisch mittels Fernsteuerung bzw. Zentralsteuerung aus einem Rechenzentrum. Doch ebenso erlaubt ist die Annahme, dass Ähnliches schon anderswo im Universum geschehen ist, und das weit vor unserer Zeit. Dieser übergeordnete Geist kann längst das Universum durchdrungen haben, einen Blick auf den Planeten Erde haben. 

 

Science Fiction? 

 

Klar ist eines: Heute zeichnet sich ab, dass das, was, wir Sprache nennen, letztendlich nichts anderes ist als eine komplexe Form von Code.  

Die Informationstheorie ist dabei, die früheren Theorien von der Materie etwa oder vom Licht (siehe Einstein, siehe Relativitätstheorie) abzulösen. Weil sie das Thema von einer neuen Seite anpackt. Das, was Materie war, interpretierte man als Licht. Was Licht war, deutet man nun als Information, als Code.

Auch Sprache und damit das, was sie ausdrückt, nämlich Gedanken und Geist, basiert auf nichts anderem als einem (sehr komplexen) Code. Der, wenngleich es sprachliche Verschiedenheiten (also Grammatiken) geben kann, durchaus universeller Struktur sein kann.